Man kennt ja dieses blöde Genudel auf den Plastikinstrumenten von Rock Band und Guitar Hero. Ubisoft gibt sich allerdings nicht mit billigen Substituten ab und bereichert mit dem ambitionierten Projekt Rocksmith den Musikspiele-Markt um einen Titel, der nicht nur Laune machen, sondern Euch auch das Gitarrespielen beibringen soll.
Der wesentliche Unterschied liegt also
darin, dass geneigte Gitarristen absolut jede 6-saitige Gitarre mit dem
beiliegenden Klinke-USB-Kabel an die PlayStation 3 anstöpseln und
losrocken können. Auf der Frankfurter Musikmesse, deren Eindrücke wir
inklusive eines Interviews mit Nicholas Bonardi (Lead Audio Designer von
Rocksmith)
im beiliegendem Video festgehalten haben, konnten wir uns eine der
herumstehenden Gitarren grapschen und den ein oder anderen Song
durchzocken.
Rocksmith
machte es uns zunächst sehr leicht, Songs zu spielen, die wir vorher
noch nie eigenmächtig intoniert hatten. „(I Can't Get No) Satisfaction“
von den Rolling Stones ließ sich zunächst so einfach bewerkstelligen,
dass selbst ein Affe mit verbundenen Augen oder ein absoluter Anfänger
keine Probleme hat. Doch gerade als wir höhnisch schmunzelten, zog das
Spiel den dynamischen Schwierigkeitsgrad automatisch nach. Eine der
größten Stärken von Rocksmith liegt
offensichtlich in der Lernkurve, denn bei den ersten Versuchen werden
nur wenige Noten und Anschläge eingeblendet, was Anfängern völlig
ausreicht, Fortgeschrittene aber unterfordert. Doch umso mehr Noten Ihr
erwischt, desto mehr werden hinzugefügt und der Schwierigkeitsgrad
steigt proportional zu eurem Können an. Eine tolle Sache, wenn man nach
und nach vor neue Herausforderungen gestellt wird! Letztendlich ist es
so möglich, einen kompletten Song zu lernen und durch stetiges Üben zu
perfektionieren.
Der Sound der Gitarre im Spiel überzeugt auf ganzer Linie - ein
entsprechendes Soundsystem vorausgesetzt. In den Songs entspricht die
Klangfarbe dem Original, aber in einer entsprechenden Effektwerkstatt
lassen sich beliebig unterschiedlichste Effektgeräte miteinander koppeln
und gesondert konfigurieren. Experimentierfreudige Musiker kommen hier
ebenso voll auf ihre Kosten.
Apropós Kosten: Der Spiel an sich kostet in seiner schlichtesten
Variante 80 Euro und kommt ausschließlich mit dem Klinke-USB-Kabel. Eine
teurere Version für knapp 100 Euro bietet dann den Genuß, zwei Gitarren
gleichzeitig an die Konsole anzuschließen und so mit Freunden lokal zu
zocken, denn schließlich hat jeder Song auch eine Rhythmus- und eine
Lead-Spur, die einstudiert werden will. Die Tatsache, dass man Rocksmith
mit einer echten Gitarre spielt, bedingt natürlich den Umstand, dass
man auch bereits eine Gitarre besitzt. Wollt Ihr allerdings mit dem
Spiel überhaupt erst anfangen, das Instrument zu lernen, dann bietet Ubisoft ein Bundle für 300 Euro an, in dem ebenfalls eine E-Gitarre enthalten ist.
Die komplette Track-Liste findet Ihr auf der offiziellen Internetpräsenz.
Diese wird selbstverständlich Stück für Stück durch DLCs erweitert und
ausgebaut. Ebenfalls zu erwähnen sei die Präsentation und Inszenierung
des Spiels, die mancherorts kritisiert wird, für uns allerdings eher
eine aufgeräumten Eindruck machte. Der Übsicht halber wurde auf viele,
knallbunte Effekte verzichtet, was zweifelsohne dem Gameplay zugute
kommt. Schade ist allerdings, dass zwar angezeigt wird, welche Saiten in welchen Bünden angeschlagen werden müssen, allerdings nicht, mit welchem Finger. Erfahrene Gitarristen wissen um die Notwendigkeit einer korrekten Handhaltung, aber Anfänger sollten sich deshalb nie ausschließlich auf das Spiel verlassen.
Rocksmith - Unser
Gamescom-Bericht
Dass Videospiele und
Musik prima zusammenpassen, hat Harmonix
bereits mit der Rock
Band-Reihe
eindrucksvoll bewiesen. Doch Ubisoft
geht noch einen deutlichen Schritt weiter und ermöglicht mit
Rocksmith
den Anschluss jeder beliebigen elektrischen oder halbakustischen
Gitarre. So lassen sich Spielspaß und Lerneffekt prima miteinander
verknüpfen. Nachdem wir auf der Musikmesse in Frankfurt erstmals
zwei Songs anspielen und mit dem Lead Audio Designer, Nicolas
Bonardi, sprechen konnten, wurden uns die
weitergehenden und zusätzlichen Features des Spiels auf der Gamescom
2012 präsentiert.
Wie
bereits seit der Musikmesse bekannt, wird Rocksmith
über einen dynamischen Schwierigkeitsgrad verfügen, was im Klartext
bedeutet, dass das Spiel die einzelnen Abschnitte eines Songs seperat
voneinander an die Fähigkeiten des Spielers anpasst, damit
ambitionierte Gitarristen zwar immer ge- aber nie überfordert
werden. Beherrscht man also die Lead Gitarre während der Strophe und
dem Refrain, hat das fordernde Solo aber noch nicht verinnerlicht,
werden an dieser Stelle automatisch weniger Noten abgefragt. Diese
fliegen wie bei vergleichbaren Titeln aus der Mitte des Bildschirms
auf den Gitarrenhals zu, wobei dieser horizontal und nicht vertikal
eingeblendet wird, um euch das Umdenken zu ersparen. Wer nach
eifriger Übung allerdings den höchsten Schwierigkeitsgrad erreicht
hat, der wird letztlich den Song komplett spielen mit allen Noten -
exakt wie das Original.
Um
gänzlich blutigen Anfängern den Einstieg etwas zu versüßen,
bietet Rocksmith
zudem einige Minispiele, die, wie im Video zu sehen, einfache
Greifübungen und Pentatonika mit eingehenden Highscores versehen. So
schießt der Spieler durch Greifen im richtigen Bund Enten ab, bevor
sie aus dem Bild fliegen - eigentlich einfach und doof, aber in
Zusammenhang mit dem Gitarrenspiel eine fantastische Alternative zu
langatmigen Trockenübungen.
Weiterhin
konnten einige Bedenken unsererseits bezüglich der
Gitarrenlehrer-Funktion von Rocksmith
ausgeräumt werden. So wurden uns verschiedene Einführungsvideos und
Tutorials gezeigt, die besonders für Einsteiger gedacht sind und so
dafür sorgen, dass diese beispielsweise die Gitarre richtig halten
oder korrekt mit dem Plektrum umgehen lernen. Was man sich hier
einmal falsch angewöhnt, wird man später nur schwer wieder beheben
können, weshalb diese Videos unbedingt zu empfehlen sind für alle,
die mit Rocksmith
ihre musikalische Karriere beginnen möchten.
Keine
Antwort gab es auf der Musikmesse noch auf die Frage nach der
Integration weiterer Instrumente. Mittlerweile gibt es neue Infos,
denn die europäische Version des Spiels wird bereits mit voller
Bass-Unterstützung geliefert, was bedeutet, dass auch Bassisten ihre
viersaitigen Biester an die PlayStation 3 anschließen und losrocken
können. Mit dem nicht im Lieferumfang enthaltenen Adapter lassen
sich Multiplayer-Sessions starten, wobei Kombinationen aus zwei
Gitarren, Gitarre und Bass oder auch zwei Gitarren, wobei eine
Gitarren den Bass emuliert, möglich sind. Fünfsaitige Bässe lassen
sich zwar anschließen und spielen, die unterste Saite wird vom Spiel
allerdings nicht erkannt.
Einige
Dinge müssen jedoch nach wie vor beachtet werden, die nicht
unerwähnt bleiben sollen. Erstens unterliegt das Audio-Signal,
insofern es via HDMI an den Fernseher weitergegeben wird, immer einem
kleinen Input-Lag, der die Spielfreude durchaus hemmen kann. Dieser
lässt sich jedoch vermeiden, wenn ihr die direkte Ausgabe über den
AV-Ausgang wählt. Zweitens hängt das klangliche Ergebnis
selbstverständlich stark von eurer Audio-Anlage ab. Auch wenn die
Qualität eines vollwertigen Verstärkers nicht erreicht werden kann,
schlägt sich die PlayStation 3 im Umgang mit dem Sound solide. Wer
eine bessere Klangqualität erwartet, wird nunmal etwas mehr
investieren müssen.
Ersteindruck
Rocksmith
ist
nicht zu verwechseln mit den Konsorten der Plastikgitarren-Fraktion,
denn hier erlernt ihr wirklich den Umgang mit einem echten
Instrument. Der Einstieg ist schwieriger und die Übungsphase
wesentlich länger als bei Party-Musikspielen, doch wenn ihr die
Konsole abschaltet, die Gitarre in der Hand haltet und feststellt,
dass ihr bereits den ein oder anderen Song runternudeln könnt, dann
werdet ihr diesen Unterschied zu schätzen wissen. Die zusätzlichen
Features, die uns auf der Gamescom 2012 präsentiert wurden, haben
einige, wesentliche Bedenken unsererseits ausgeräumt, den guten
Eindruck gefestigt und das zusätzliche, mitgelieferte Bass-Pack
begeistert auch Freunde tieferer Tonlagen. Wir empfehlen dennoch
nicht den Import, sondern das geduldige Warten bis zum 28. September,
da in der US-Version die Bass-Funktionen nicht enthalten sein werden.
Abgesehen davon ist aber jeder Gitarrist, egal ob Anfänger oder
Fortgeschrittener dazu angehalten, Rocksmith
eine Chance zu geben.
-
Stefan Simond