Seit Februar 2012 ist die PS Vita auch in Europa zu haben, nur zwei Monate nach dem Japanstart. Nach der PSP ist die Vita schon der zweite PlayStation-Handheld von Sony, und er kommt zu einem Zeitpunkt auf den Markt, an dem selbiger hochkarätig besetzt ist wie schon lange nicht mehr. Zum einen sind da die Smartphones. Diese sind zum Teil schon in der Lage, grafisch durchaus ansehnliche Spiele zu stemmen. Zum anderen das iPad von Apple, welches in seiner neuesten Version sogar das Leistungspotential der PlayStation 3 aufweist. Und dann natürlich der Nintendo 3DS, welcher weltweit extrem erfolgreich gestartet ist. Keine guten Vorzeichen also, sich in diesem stetig verändernden mobilen Markt doch noch behaupten zu können. Doch auch, wenn es zunächst erstaunen mag: Die PlayStation Vita hat alle Chancen, mindestens ebenso erfolgreich zu sein wie ihr Vorgänger, denn gegenüber der eben genannten Konkurrenz hat die PS Vita viele Vorteile.
Der wohl wichtigste ist dabei das Interface. Die PS Vita macht keinen Hehl daraus, in erster Linie eine Spielmaschine zu sein. Es gibt die typischen PlayStation-Buttons und dazu sogar einen zweiten Analogstick. Letzterer ist ein unschätzbarer Vorteil bei allen komplexeren Spielen mit Bewegung im dreidimensionalem Raum, die auf dem 3DS nur unbefriedigend und auf Smartphones oder iPad nur sehr eingeschränkt umsetzbar sind. Zwar lassen sich Entwickler auf dem iPad mit virtuellen Buttons schon einiges einfallen, um das Spielerlebnis zu verbessern, doch präzise und intuitiv wie die gute alte Variante mit Analogsticks und klassischen Buttons ist diese Notlösung nicht.
Jeder weiß, wie schwierig es war, Monster Hunter auf der PSP zu spielen. Man vermisste immer den zweiten Analogstick, um die Kamera zu kontrollieren, und der 3DS leidet unter dem gleichen Problem. Das optisch wenig ansprechende, batteriebetriebene Circle Pad Pro als Notlösung mag zwar das spielerische Problem lösen, ist aber weder komfortabel noch besonders attraktiv – ganz im Gegenteil. Es wirft die Frage auf, weshalb Nintendo nicht von vornherein auf einen zweiten Analogstick gesetzt hat, und entlarvt den 3DS zumindest in dieser Hinsicht als nicht optimal durchdachte Hardware. Solche Probleme hat die PS Vita nicht. Es gibt kein Spielkonzept, das an der Steuerung scheitern würde, wie dies auf iPad gang und gäbe ist. Im Gegenteil: Mit dem Touchscreen hat die PS Vita sogar die für Smartphones und Tablet-PCs typische berührungssensitive Oberfläche, mit der sich wiederum eher Casual-orientierte Spielkonzepte leicht umsetzen lassen.

Dann ist da das Preis-Leistungs-Verhältnis. Die PS Vita ist schon ab 249 Euro zu haben, wobei viele Händler derzeit noch mit besonderen Angeboten punkten, bei denen man beispielsweise eine Speicherkarte kostenlos dazubekommt. 249 Euro sind zwar deutlich mehr als beim Nintendo 3DS, der für rund 170 Euro den Besitzer wechselt, doch der Aufpreis ist mehr als gerechtfertigt: Die grafische Leistungsfähigkeit der PS Vita bewegt sich weit jenseits dessen, was man in der vergangenen Konsolengeneration erlebt hat, und erreicht im besten Fall das optische Niveau von PS3-Spielen. Zwar wird das iPad in den nächsten Jahren noch deutlich vorbeiziehen, allerdings kostet es auch mindestens 400 Euro. Dazu kommt die eben beschriebene Steuerungsproblematik. Die PS Vita ist also der derzeit leistungsstärkste reine Gaming-Handheld und wird dies auch lange Zeit bleiben. Das Gerät besticht durch sein elegantes Design und den fantastischen OLED-Bildschirm. Dieser lässt in seinen Abmessungen jeden anderen Handheld ziemlich mickrig aussehen – den 3DS eingeschlossen. Während man bei Nintendo nicht mal ein richtiges Breitbild geboten bekommt, verwöhnt die PS Vita mit einem hoch aufgelösten, extrem scharfen Screen, der auch noch die Augen schont. Dies ist keineswegs als Anti-3DS-Propaganda zu verstehen, sondern schlicht und ergreifend ein Fakt, der für sich spricht.
Die PS Vita liegt gut in der Hand.
Die Verarbeitung des Gerätes wirkt hochwertig und erwachsen, was bei der PSP nicht immer der Fall war. Man hat nicht das Gefühl, ein Spielzeug in der Hand zu haben. Auch keinen Tablet-PC. Die PS Vita ist einfach ein Gaming-Handheld der nächsten Generation und führt das Design der PSP sehr gekonnt fort. Dabei spürt man, wie wichtig Sony der Bildschirm war, und das sieht man auch. Nahtlos geht der Touchscreen in das Gehäuse über, wobei er den weiten Großteil der Oberfläche einnimmt. Und genau so muss es ja auch sein. Zugunsten eines solch großen Displays hat Sony sogar die Buttons, das Digipad und die Analogsticks etwas kleiner gestaltet, als man dies gewohnt ist. Ein Problem ergibt sich dadurch aber nicht. Durch ihre Breite liegt die PS Vita in jedem Fall gut in der Hand, wobei es auch hier nach einer gewissen Spielzeit zu leichten Fingerkrämpfen kommen kann. Man hat allerdings den Eindruck, dass die PS Vita generell besser in ausgewachsenen Männerhänden liegt, als der deutlich kleinere Nintendo 3DS.
Mit einer 3D-Fähigkeit kann die PS Vita nicht punkten, dieses Thema hat Sony komplett außen vor gelassen. Allerdings verfügt die PS Vita über Bewegungssensoren, zwei Kameras und sogar ein Rückseiten-Touchpad für eine ganz neue Art von Berührungssteuerung. Dass man den OLED-Screen öfters berühren muss – zwecks Navigation durch die Menüs – und in diesem Fall im Allgemeinen auch keine alternative Eingabemethode hat, ist zunächst gewöhnungsbedürftig, folgt aber dem allgemeinen Trend von Smartphones und Tablet-PCs. In jedem Fall lässt sich mit Fingerdruck und Wischbewegungen äußerst komfortabel durch das Systemmenü der Vita navigieren, und auch in vielen Spielen ist diese Art von Bewegungseingabe durchaus angenehm und modern zu nennen. Dass schon nach kurzer Zeit das Display mit Fettflecken verschmiert ist, muss man allerdings hinnehmen. Das Reinigungstuch ist der beste Freund des Vita-Besitzers. Inwiefern man Kratzer auf dem Display fürchten muss, wird erst die Zukunft zeigen. Grundsätzlich sollte die Berührung mit den Fingerspitzen aber keine Kratzer verursachen – die Benutzung mit einem klassischen Touchpen wäre schon gefährlicher, man denke an den originalen Nintendo DS.

Die Benutzeroberfläche der PS Vita überrascht mit bunten Farben, freundlichen Klängen und vielen knuffigen Icons. Ein solch warmes und freundliches Interface hätten wir Sony gar nicht zugetraut. Wirkte die Benutzeroberfläche der PSP und der PS3 kalt und nüchtern, hat man bei der PS Vita den Eindruck, dass dieses Interface auch von Nintendo stammen könnte. Aber das ist ausdrücklich als Kompliment zu verstehen. Durch Wischbewegungen wechselt der Nutzer zwischen mehreren Ebenen, auf denen mehrere Anwendungen parallel laufen können – hier grüßt wieder freundlich die Smartphone/Tablet-Konkurrenz. Angenehm ist, dass das System sehr schnell und flüssig zu bedienen ist, es hakt nirgendwo. Über die PS-Guide-Taste gelangt man jederzeit aus dem laufenden Spiel ins Systemmenü. Dann kann man etwa den Internetbrowser aufrufen, die eigenen Trophäen überprüfen und das Spiel zu einem beliebigen Zeitpunkt fortsetzen. Das wirkt komfortabel, zeitgemäß und funktioniert angenehm flott. Man denke nur an den quälend langsamen Systembrowser der PS3! Nur die Eingabe von Text – etwa beim Surfen und bei der Eingabe von Formularen – erweist sich aufgrund der Berührungseingabe als sehr fummelig.
Die PSP war ein sehr gelungener Handheld, hatte aber einen Makel: das unattraktive Datenmedium UMD. Das Laufwerk verschlang Platz, musste umständlich nach hinten geöffnet werden und verursachte auch einen leicht erhöhten Geräuschpegel. Daher setzt Sony bei der PS Vita nun auf sehr kleine Speicherkarten, auf die aber sehr viel mehr Daten passen, als auf eine UMD. Völlig geräuschloses Zocken ist nun auch möglich. Im Gegenzug bedeutet der Wegfall des Laufwerks natürlich, dass die PS Vita keine alten PSP-Spiele abspielen kann – es sei denn, man erwirbt diese als Download. Etwas kostspielig sind die Speicherkarten. Die Datenträger sind zwischen 4 und 16 GB groß und speichern nicht nur Spielstände, sondern auch Demos und komplette PS Vita-Spiele, die über den PS Store heruntergeladen wurden. Früher oder später wird man bei diesen Datenmengen an die Grenzen der Speicherkarten stoßen, die keine Festplatte ersetzen können. Aber wo soll bei der PS Vita noch Platz für eine Festplatte sein? Eben. Die PS Vita wirkt wie ein Nissan GT-R: Japanisch, sehr sportlich, durchaus elegant, aber auch ein bisschen wuchtig. Angenehmerweise läuft der Motor der PS Vita nicht so schnell heiß wie beim Nintendo 3DS. Die Rede ist vom Akku, der bei Nintendos Beststeller nach einer gewissen Spielzeit schon mal beunruhigend warm werden kann. Davon spürt man bei der PS Vita nichts. Die reine Laufzeit des Akkus ist leider ähnlich bescheiden wie bei der Konkurrenz: Nach drei bis vier Stunden ist bereits Schicht. Den Akku neu aufzuladen verschlingt etwa zwei bis drei Stunden Zeit.
Natürlich ist die PS Vita auch ein Alleskönner. Zwar stehen die Spiele im Mittelpunkt, doch auch Musikdateien, Bilder oder Videos lassen sich über die Vita abrufen, die per USB-Datenkabel auch jederzeit an eine PS3 oder einen PC angeschlossen werden kann. Auf diesem Wege sind sogar System-Updates möglich, falls mal kein Wi-Fi zur Verfügung steht. Auch lassen sich dank der Rückenkamera der Vita sogenannte Augmented Reality Games spielen, deren Qualität bislang aber zu wünschen übrig lässt.

Natürlich ist die PS Vita im Internet-Zeitalter bestens gerüstet für die vernetzte Zukunft. Bei früheren Handhelds war der Internetzugang nur ein netter Bonus fürs Online-Gaming. Bei der PS Vita gehen die Möglichkeiten ein gutes Stück weiter. Vernetzung ist das Stichwort. Mit der Funktion "Near" lassen sich PS Vita-Spieler in der Nähe ausmachen – eine Facebook-App steht zur Verfügung, und natürlich dürfen PS Store und Internetbrowser nicht fehlen. Dafür braucht man nicht einmal zwangsläufig eine Wi-Fi-Verbindung. Wer sich das Luxusmodell mit 3G kauft, kann auch via Mobilfunknetz auf das Internet zugreifen. Das hilft, um unverbindlich zu surfen, in Ridge Racer Geistdaten oder Bestenlisten zu sichten, oder auch mal einen Download-Happen von weniger als 20 MB herunterzuladen. Downloads über 20 MB – also größere Zusatzpakete, Demos, PSN-Titel oder Vollpreisspiele - lassen sich mit 3G dummerweise nicht stemmen. Auch Online-Gaming ist nur über Wi-Fi möglich. Ob einem dies den Aufpreis von 50 Euro für das 3G-Modell wert ist, zumal unter Umständen noch ein Netzvertrag abgeschlossen beziehungsweise Prepaid-Guthaben gekauft werden muss, das muss wohl jeder für sich entscheiden. Eine nette Alternative für Wi-Fi-lose Spieler ist es aber allemal.

Das Fazit. Zwei Monate habe ich nun mit der PlayStation Vita verbracht. Befürchtungen, der neue Sony-Handheld würde im Zeitalter von Smartphones und iPad untergehen, waren unbegründet. Die Unterstellung, Spieler würden lieber auf Smartphones oder Tablet-PCs zocken, ist schlicht falsch. Die PS Vita ist ein klassischer Handheld mit dem vollen Funktionsumfang, den man sich von einem solchen erwartet, aber dank sinnvoller Neuerungen deutlich komfortabler zu bedienen als bisherige Handhelds. Wer klassische, umfangreiche und ausgereifte Spielerfahrungen sucht, ist auf dem Smartphone-Sektor einfach fehl am Platz. Die Vita hat hingegen das Potential, die Herzen von Core-Gamern höherschlagen zu lassen. Der herrlich hochauflösende Bildschirm, die zwei Analogsticks, Trophäen-Support und die grafische Leistungsfähigkeit sind Schlagworte, mit denen die PS Vita im Direktvergleich mit dem Nintendo 3DS gnadenlos punktet. Und dass die für Cent-Beträge verkauften Spiele für Smartphones oder Tablet-PCs nicht die Spieltiefe und den Umfang erreichen, welche jetzt schon viele Vita-Spiele auszeichnen, liegt auf der Hand.
Sonys PSP-Nachfolger wirkt sehr gut durchdacht und ist kompletter ausgestattet als die Konkurrenz. Ob dass der Vita mittel- oder langfristig auch zum ganz großen Verkaufserfolg verhelfen wird, bleibt natürlich noch abzuwarten. Es wäre Sony zu gönnen, denn man muss ganz klar sagen, dass die PS Vita einen ausgereifteren Eindruck macht, als die PS3 oder die erste PSP zu ihrem Verkaufsstart. Aber wie sagt man so schön im Fußball: Wichtig is' auf 'm Platz. Im Fall der PS Vita müsste man sagen: Wichtig sind die Spiele. Natürlich ist das Gerät selbst klasse, das Benutzerinterface überzeugt total, und sexy ausschauen tut es auch. Aber nur die Spiele können die PS Vita in Zukunft zu großen Erfolgen verhelfen. Dafür braucht es Games, die Märkte für sich erobern können. Killer-Apps, wie es Monster Hunter für die PSP in Japan war. Ob so etwas bald für die PS Vita kommen wird, bleibt noch abzuwarten. Das Potential ist da – nun liegt es an den Entwicklern, es auch zu nutzen! -
Daniel Steinert