Unaufhaltsam
kommt sie auf uns zu: Die menschliche Revolution. Eidos Montreal wird noch in
diesem Jahr den Beweis dazu antreten. Erste Vorboten brauten sich über Hamburg
zusammen und kredenzten der versammelten Fachpresse einen Vorgeschmack auf die
kommenden Unruhen. Nein, dieses Mal war im Schanzenviertel alles ruhig, und die
politischen Revolutionskundgebungen rein virtueller Natur. Auf diese Form des
Widerstands lassen wir uns nur zu gern ein. Wenn es sich dann auch noch um die
Fortsetzung des Kultspiels Deus Ex handelt, dürfen eingeweihte Spieler durchaus
ein revolutionäres Zockwerk erwarten. Wer einmal einen Blick auf den grandiosen
Trailer geworfen hat, ahnt, dass Großes auf die Spielergemeinde zukommt. Der
letzte Satz hallt noch lange im Kopf des Betrachters nach: „Es ist nicht das
Ende der Welt – aber man kann es von hier aus sehen“.

Keimzelle
der dräuenden Unruhen ist ein Hamburger Club, der kurzerhand zum Feiertempel
„The Hive“ umfunktioniert wurde. The Hive wird eine Rolle in dem Game spielen –
inwieweit aber futuristisches Abgezappel sich von einem zeitgenössischen
Discobesuch unterscheidet, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir wollen aber auch
keine flotte Sohle aufs Parkett legen, sondern die ersten Stunden von Deus Ex:
Human Revolution erleben. Schließlich warten unsere Leser ja auch auf die
ersten Eindrücke vom dem spielbaren Sci-Fi-Drama. Auch wenn das Jahr 2027 nicht allzu weit
entfernt scheint, so hat sich doch eine Menge auf der Welt getan. Die Menschen
können ihre körperlichen Leistungen erheblich durch so genannte „Augmetations“
verbessern. Beinimplantate erhöhen die Laufgeschwindigkeit, Arm-Verbesserungen
verstärken die Kraft, selbst die Sehkraft wird durch künstliche Augen erheblich
erhöht. Marktführer für diese modernen Frankensteinereien ist der Konzern Sarif
Industries. Hier arbeitet Adam Jensen als Sicherheitschef. Jensen ist ein
ehemaliger Cop, der seine Dienste nun für ein verdammt gutes Gehalt für ein
Privates Unternehmen anbietet.

Im
Tutorial erfahren wir schon die ersten Hintergründe. In Dialogen gibt sich
behutsam das ehemalige Liebesverhältnis zu Dr. Megan Reed, einer
Wissenschaftlerin von Sarif Industries preis, wir sehen im Hintergrund emsig
arbeitende Ingenieure in weißen Kitteln, die an weiteren „Human Augmentations“
arbeiten. Metall verbindet sich mit Fleisch, Drähte zur Impulsweiterleitung
runden die Symbiose ab, bringen den Menschen einen weiteren Schritt näher an
die Übermenschlichkeit. Das ist die menschliche Revolution, die dem neuen Deus
Ex-Teil seinen Untertitel verleiht. Kein politischer Umsturz bahnt sich an,
keine Regime, das in den Grundfesten erschüttert wird. Die Spezies Mensch
entwickelt sich selbst durch Technologie und Forscherdrang näher an sein
überirdisches Ideal. Sarif Industries hilft dabei und fährt scheinbar eine
Menge Profit dabei ein, wenn man die Inneneinrichtung des Bürokomplexes
betrachtet.

Mahnende
Geister gibt es allerdings genug. Eine Gruppe, die sich „Puristen“ nennt, will
diese künstliche Erhöhung menschlicher Attribute nicht hinnehmen. Mit
Demonstrationen, aber auch Aufständen versuchen sie, Sarif Industries vom
Geschäft wegzubewegen. Allmählich wird klar, warum Jensens Job hoch bezahlt
ist, warum er einer der Besten in seinem Geschäft sein muss. Sarif zumindest
äußert sich in einem Gespräch zufrieden mit seinen Diensten. Die Unterhaltung
wird durch einen Notfall unterbrochen: Die Puristen sind in das Sarif-Gebäude
eingedrungen – Jensen wird an vorderster Front gebraucht. Hier unterschätzt er
die Kraft seiner Gegner, was ihn beinahe umbringt. Monate später kann er aber
seinen Arbeitsplatz bei Sarif Industries wieder antreten. Dass er so schnell
wieder auf dem Posten ist, verdankt er übrigens der menschlichen Revolution:
Unser Sicherheitsbeauftragter hat nun selbst ein paar Augmentations verpasst
bekommen. Für Sarif kann er sich nun auch auf etwas heiklere Missionen begeben.

So
muss er zum Beispiel eine Handvoll Angestellter retten, die einer Gruppe
Puristen in die Hände gefallen sind. Sie werden irgendwo in einem Stützpunkt
der Krawallmacher festgehalten. Die Befreiungsaktion wird zusätzlich durch
einen Sprengsatz erschwert, der an einen Giftgas-Behälter angeschlossen wurde.
Eine falsche Bewegung und die Geiseln sterben. Wie Jensen nun das Puristen-Gebäude
infiltriert liegt in den Händen der Spieler. Er hat die Wahl zwischen
heimlichen Zugang und lautlosem Ausschalten aller Wachen durch
Nahkampftaktiken. Er kann aber auch die Brutalmethode anwenden und mit roher
Waffengewalt auf die Puristen losgehen. Je nach Geschmack und Naturell
gestalten sich die Spieler ihr eigenes Abenteuer. Schon der erste Teil glänzte
vor mehr als 10 Jahren mit dieser freien Auswahl und wird noch heute als eines
der besten Videospiele aller Zeiten bezeichnet. Die Ego-Perspektive ist sowohl
für die subtile Sam-Fisher-Methode als auch für Duke-Nukem-Manieren geeignet.
Da jedoch selbst der leichteste Schwierigkeitsgrad nicht gerade von Pappe ist,
empfiehlt sich stets planvolles, koordiniertes Vorgehen, zumal Munition hier
nicht auf Bäumen wächst. Gegner auszuschalten, Nebenaufträge zu erledigen und
Bonusobjekte zu finden erhöht das eigene Punktekonto, mit denen die
Augmentations weiter verstärkt werden können. So kann Jensen im Laufe des
Spieles auf einige kybernetische Vorteile zurückgreifen.

Grafisch
bahnt sich zwar keine echte Revolution an, aber die Story ist mal wieder
opulent, lässt dem Spieler die Wahl zwischen mehreren Spielweisen und gibt ihm
keine Richtung vor, was nun richtig oder falsch wäre. Bei der üppigen Spielzeit
will man sich nun auch nicht über die eine oder andere grobe Textur beschweren,
wenn die Geschichte um Verschwörungen, High-Tech und dem Söldner-Geschäft packend
erzählt wird. Und Deus Ex: Human Revolution vermochte schon in der ersten Anspielsession zu fesseln.
Bei der Steuerung unserer Spielfigur mussten wir uns dagegen ein wenig an die
Eigenheiten des Deckungssystems gewöhnen. Jensen stürmt nicht aus der Deckung
nach vorn, sondern bleibt geduckt und kraucht zunächst gemächlich durch
eventuellen Kugelhagel. Wer diesen Umstand bedenkt, kann aber auch seinen
Vorteil daraus schöpfen und erst alle Gegner im Schussfeld ausschalten, dann
erst die sichere Deckung verlassen. Auffällig war auch der Soundtrack, der mal
an Mass Effect erinnerte, mal Erinnerungen an das erste Deus Ex aufkommen ließ.
Die Synthesizer unterstreichen die leicht unterkühlte, futuristische Atmosphäre
des Jahres 2027 – zumindest so, wie Eidos Montreal es sieht.

Wer
seinerzeit den ersten Teil von Deus Ex gespielt hat, darf sich auf dieses Prequel
freuen. Es markiert durchaus eine technische Weiterentwicklung des Klassikers
aus dem Jahre 2000, wenngleich die technische Offenbarung ausbleibt. Trotzdem
gelingt das Kunststück, die wachsamen Augen der Kritiker auf die vielen Details
zu lenken. Atmosphärisch dicht wird wieder eine tolle Story näher gebracht, dem
Spieler durch die Weite des Gameplays eine Fülle eigener Möglichkeiten auf dem
Weg gegeben und der Belohnungstrieb durch RPG-Elemente mit Verbesserungen der
Spielfigur angereichert. Eine sehr hohe Spielzeit wird obendrein auch noch
dafür sorgen, dass sich die Schnittmenge aus Action-, Rollenspiel- und
Verschwörungsfans lange vor den Konsolen vergnügen können. Schon jetzt glauben
wir, dass Deus Ex: Human Revolution zu den Gewinnertiteln des Jahres zählen
wird.
Geschrieben von Martin Weber