Special: Rückblick 2010
Das Jahr 2010 liegt hinter uns – 365 Tage
voller Freude, Tränen, neuer Erfahrungen, verlorener Weggenossen und neuer
Freunde. Und weitere 365 Tage liegen nun vor uns – überraschend, vielleicht
erkenntnisreich, karrierefördernd oder -zerstörend – auf Sony-Konsolen mit
Sicherheit aber eines: Spielerisch exquisit.
Sonys Rundumschlag 2010
Ein Trend, der den Schwung aus dem letzten
Jahr mitnimmt. Lange galt die PlayStation 3 als leidlicher Klotz in der
Zockerlandschaft, Die Hardware war nur mit Mühen zu beherrschen, Multiplattformtitel
zumeist auf Xbox 360 stärker, flüssiger, einfach besser spielbar, während die
PlayStation 3-exklusiven Titel wie Uncharted 2 und Killzone 2 auf dem
HD-Flaggschiff durchaus ihre Käufer (und Kritiker) fanden, aber nur schwerlich
den Schwund an hochklassiger Software kompensieren konnten.

2010 fand jedoch ein Highlight nach dem
anderen seinen Weg auf die PlayStation 3, Multi-Titel waren urplötzlich genauso
fit wie auf Microsofts Daddelkiste und selbst die siechende PlayStation
Portable überzeugte mit einem Line Up, das die Verkaufszahlen des
abgeschriebenen Handhelds in die Höhe schnellen ließ.

Was war passiert? Im Grunde: Nichts. Sony ist
seinen Weg unbeirrt weitergegangen, hat den hauseigenen Studios die Zeit, die
sie brauchten, generös eingeräumt und wurde letztlich mit vielen AAA-Spielen
belohnt. Bestes Beispiel: Gran Turismo 5. Fast schon ein Treppenwitz der
Releaselisten, avancierte es binnen weniger Wochen zum schnellstverkauftesten
Rennspiel der Videospielgeschichte. Oder Heavy Rain: Mehrmals verschoben und
erst nach einigen Jahren exklusiv auf die Hardware der PlayStation 3
geschneidert, überzeugte der interaktive Film Noir mit spannender Handlung,
bewegenden Charakteren und einer Interaktionsfreiheit, die selbst Die Sims
blass werden ließ.

Und etwas ist doch passiert: Sony hat einen
Weg gefunden, ohne Arroganz und Egozentrik den Dialog mit Spielern zu eröffnen,
kümmert sich nun aktiv um die Community und die Anforderungen, welche diese
stellen. Mehr Platinum-Spiele beispielsweise oder das neue Essentials-Segment,
das PSP-Spiele für unter 10 € anbietet. Nicht vergessen wollen wir die
Move-Steuerung – zunächst als bloße Wii-Kopie belächelt, schaffte es Sony mit
guten Download-Titeln (z.B. Tumble) und einer Menge nachgerüsteter Spiele
(Heavy Rain, Resident Evil 5) die eigenen Ambitionen, eine akkurate
Bewegungssteuerung zu etablieren, eindrucksvoll zu untermauern.
Wir blicken also zurück auf ein spielerisch
hervorragendes Jahr 2010 und präsentieren euch (noch einmal) die Highlights der
letzten zwölf Monate.
Januar
Was dabei rauskommt, wenn man die Devil May
Cry-Entwickler mit zu viel Budget und Zeit ausstattet, zeigte Bayonetta. Die
Mär rund um eine verdammt heiße Hexe und den ewigen Kampf von Gut und Böse
wurde weltweit gelobt, überzeugte spielerisch, enttäuschte aber hinsichtlich der
Verkaufszahlen. Dabei zeigte Bayonetta, was NextGen zu leisten imstande ist:
Hochdetaillierte Grafiken, superbe Animationen, Hundertschaften von Gegnern und
ein Feuerwerk der Effekte – Highlight ist mit Sicherheit der subtile Schatten
der Protagonistin. Ein Schmetterling – wie wundervoll! Weitere Highlights in
Bayonetta: Leuchtende Genitalien, obskure Vaterschaftstests und die mobilste
Eigentumswohnung der Welt.

Februar
Vier Charaktere, eine Stadt, die im Regen zu
versinken droht – und ein Mörder, der gefunden werden muss. Heavy Rain war
weder Krimi-Film, noch Spiel – es war eine gelungene Synthese zweier Erzählmedien,
die es zuvor in dieser Qualität nicht gegeben hatte. Mehrere Jahre
Produktionsdauer, viele eingescannte Schauspieler, atemberaubendes
Voice-Acting, noch nie gekannte Interaktionsmöglichkeiten und ein
melancholischer, fast tieftrauriger Soundtrack, der auch ohne Spiel zu
begeistern wusste. Die Besonderheiten Heavy Rains entfalteten sich erst nach
mehrmaligem Durchspielen – mehr noch als sein Quasi-Vorgänger Fahrenheit (2005)
konnte der Spieler den Ausgang der Handlung beeinflussen, Protagonisten sterben
lassen oder versuchen, das beste aller Enden zu erreichen. Heavy Rain blieb
über Monate hinweg ein echter Systemseller, nicht zuletzt wegen der
Move-Edition, welche die Sony-Bewegungssteuerung unterstützt.

März:
Im Zeichen der großen Serienfortsetzungen
stand der März. Kratos, Lightning und ein paar über gelaunte Mafiosi aus Nippon
machten Sonys Flaggschiff unsicher. Zuerst: God of War III – neben Uncharted 2
sicher der Titel, der grafisch am meisten zu beindrucken wusste. Spielerisch
eher konventionell und kaum ohne große Experimente überzeugte der finale Akt
des griechischen Dramas von der Inszenierung her ohne Wenn und Aber. Die
phänomenalen Bosskämpfe sind Highlights, gleichsam die Cutscenes und ungemein
atmosphärische Sprachausgabe. Sony ließ sich aber nicht lumpen und spendierte
neben dem dritten Teil den Vorgängern eine PS3-Neuauflage – zweckmäßig an die
HD-Konsole angepasst sind diese bis heute ein Genuss.

In den Genuss hätten auch alle Final
Fantasy-Fans kommen sollen, doch wurden diese zum Großteil enttäuscht. Auflage
13 des RPG-Epos überzeugt audiovisuell, enttäuscht spielerisch. Anstatt frei zu
erkundender Welten gab es Levelschläuche, zunächst wenige Side-Quests und
platte Charakterporträts mit fast banalen Zügen. Das frisierte Kampfsystem
wurde (wieder einmal) heftig kritisiert und an der Gesamtspieldauer kein gutes
Haar gelassen. Weshalb Final Fantasy XIII dennoch zu den ganz großen Titeln aus
2010 zu zählen ist? Es sieht fantastisch aus und hört sich noch besser an – man
kann nur hoffen, dass die verwendete Grafikengine nicht bei Square/Enix
verkümmert.

Mit Yakuza 3 wurden Fans der Japan-Reihe
beglückt – mehr als ein Jahr nach seinem Release in Nippon. Weshalb es so lange
gedauert hat? Sega wollte den Titel ursprünglich gar nicht im Westen
veröffentlichen, entschloss sich dann aber dazu, zumindest eine englischsprachige
Version zu releasen, die in Europa um Soundtrack und Bonusmissionen erweitert
wurde. Glücklicherweise! Die überdrehte, aber nicht Klischee ausschlachtende
Story rund um einen Ex-Yakuza und seinen Traum, Waisen zu helfen hätte so in
keinen Kinofilm gepasst, ganz schwer auch nur in Buchform. Als Spiel aber bot
sich Yakuza geradezu an: Ihr könnte in abgegrenzten Arealen nicht nur die
Hauptgeschichte weiter verfolgen, sondern auch allerlei Freizeitaktivitäten frönen
– das Golfspiel gehört sogar zum besten in diesem Bereich auf der PlayStation
3. Audiovisuell war Yakuza 3 ein zweischneidiges Schwert. Während Asien-Sounds,
Umgebungsgeräusche und die Sprachausgabe zu begeistern wussten, waren einige Locations
erstaunlich leer und detailarm. Optische Höhepunkte waren und sind die Tattoos
der Bandmitglieder, die einmal mehr zeigen, das Nadel und Tinte brauchbare
Mittel sind, um echte Kunstwerke zu erschaffen.

April
Round One! Fight! Nur ein Jahr nach seiner
viel gefeierten Rückkehr wurde Street Fighter 4 mit einem Super im Titel wieder
auf den Handel losgelassen – eine Handvoll Charaktere mehr, wenige zusätzliche
Spielmodi... oberflächlich betrachtet war Blaz Blue: Calamity Trigger das
liebevollere und lohnenswertere Beat 'em Up. Seinen Reiz entfaltet Super Street
Fighter 4 erst, wenn man sich eingehend und lang mit ihm beschäftigt – sinnvoll
erweiterte Multiplayer-Modi, ein neues Balancing und veränderte
Move-Kombinationen lohnten tatsächlich die knapp 40 € - so ist es auch kein Zufall,
dass Super Street Fighter 4 eines der schnellstverkauftesten Prügelspiele
überhaupt ist und sich mehr als 4 Millionen mal verkaufen konnte.

Die vier Millionen knackte Bad Company 2
vermutlich schneller – die einst ungemein humorige Actionunternehmung aus dem
Hause DICE wurde ernster, umfangreicher und imposanter. Spaßiger? Ja, im
Multiplayer. Selbst Call of Duty: Modern Warfare 2 konnte es den Rang ablaufen
und erfreut sich nicht zuletzt wegen der Vietnam-Erweiterung einer treuen, sehr
großen Fanbase.

Mai
GTA im Wilden Westen = Red Dead Redemption.
Eine einfache Rechnung. Das Spiel aus dem Hause Rockstar war der erhoffte
Spielspaßgarant, aber sicher keine Überraschung. Dem bekannten Spielecocktail
der Gangster-Serie setzte man eine andere Zeit, andere Transportmittel und
Waffen zu und erhielt so fast unwiderstehliche Spielekost. Sicher, die Grafik
war dezent angestaubt und das ein oder andere Klischee hätte man gerne
weglassen können, doch daneben war Rockstars Red Dead Redemption nicht nur eine
wunderbare Hommage an Spagetti-Western und die Freiheit, sondern im Subtext
zudem eine Abrechnung mit Turbokapitalismus und grenzenloser Profitgier. Ob das
alle verstanden haben...?

Thema Rennspiele: Genre-Vertreter wie
Motorstorm oder Ridge Racer bedienten Arcade-Racer ganz gut, doch erst mit Blur
und Split/Second enterten zwei Ausnahmetitel die Bühne und überzeugten.
Split/Second hatte einen Affenzahn drauf und mit dem Power Play-Feature eines
der witzigsten/unfairsten Spielelemente, die man je in diesem Genre gefunden
hat. Blur dahingehend war nicht sonderlich hübsch, verband dafür die arcadige
Fahrphysik echter Wagen mit dem Einsatz von Extras á la Mario Kart.
Insbesondere online ist das vorletzte Spiel von Bizarre Creations eine feste
Größe geworden.

Juni
Und würden die Verkauzfszahlen von Sony
interessieren – insbesondere jene der DualShock 3-Controller. Die müssen zur
Jahresmitte zuhauf geschrottet worden sein. Schuld daran: Demon's Souls. Nie
gehört? Wir fassen kurz zusammen: Ein bockschweres RPG, das nur von echten
Cracks zu bewältigen ist – wer eine Phobie gegen Game Over-Screen besitzt,
findet hier die passende behavioristische Behandlung. Ja, Demon's Souls ist
bockschwer. Ja, es ist teils so schwer, dass selbst gestandene RPG-Granden
einen großen Bogen darum machen. Doch hat man es erst einmal geschafft, weiß
man wie es sein muss, als Gott über die Spielewelt zu herrschen. Das
Rollenspiel brachte es dabei fertig, nie zu frusten – nie war es unfair, nur
eben sehr schwer. Ein cleveres Online-Feature ermöglichte es, wahlweise mit
oder gegen andere Recken zu kämpfen und das Ableben unglücklicher Vorgänger
nochmals zu begutachten. Auch nach über einem halben Jahr ist Demon's Souls
daher eine klare Empfehlung.
