Kann
man gut und böse zugleich sein? Darf man schlimme Dinge tun, um
etwas Gutes zu bewirken? Mit derartigen ethischen Fragen muss sich
der kahlköpfige 47 auch in seinem neusten Aftritt auseinandersetzen,
denn seine ehemalige Kontaktperson Diana Burnwood hat die Agency
verraten, eine heftige Sabotageaktion durchgeführt und das Chaos
genutzt um ein Mädchen namens Victoria aus den Laboren der
Organisation zu befreien. Spätestens hier dürfte es bei Kennern der
Serie klingeln. Die Tatsache, dass 47 nämlich selbst ein Klon aus
jenen Laboren ist, einzig und allein zum Zweck erschaffen,
professionell zu töten, wird in Absolution
nicht weiter erwähnt und selbstverständlich vorausgesetzt. So
dringt ihr im fünften Teil des Action-Adventures deutlich tiefer in
die karge Gefühlswelt des Killers vor - und die gute Nachricht
lautet: Das wirkt weder aufgesetzt noch unglaubwürdig!
Die
Kernelemente der Reihe wurden beibehalten und konsequent
weiterentwickelt. Noch immer wirft euch das Spiel in ein abgestecktes
Gebiet - etwa eine Villa, ein Hotel oder einen Stripclub - und setzt
euch auf ein Ziel an. 47 arbeitet in Absolution
deutlich mehr auf eigene Faust und hat keinen Auftraggeber mehr
hinter sich. Die Konsequenz: Ihr müsst improvisieren! Wie ihr
vorgeht, bleibt weitestgehend euch überlassen. Schaltet ihr eine
Wache nach der anderen gezielt aus und verkleidet euch, lenkt ihr sie
ab und schleicht vorbei oder greift ihr direkt zu den Waffen und
richtet ein Blutbad an - die Entscheidung müsst ihr selbst treffen.
Um
Neulinge nicht zu überfordern könnt ihr euch auf 47s Killerinstinkt
verlassen. Durch Halten der R1-Taste werden Zielpersonen, Wachen und
diverse, wichtige Gegenstände markiert. Die Instinkt-Funktionen sind
extrem nützlich und vereinfachen das Spielerlebnis deutlich, weil
sie dafür sorgen, dass ihr nie die Orientierung verliert. Für
erfahrene Spieler, die eine wirkliche Herausforderung suchen, stehen
aber auch höhere Schwierigkeitsgrade bereit, in denen ihr komplett
ohne Hilfestellungen agieren könnt - bis zur höhsten Stufe mit dem
bezeichnenden Namen „Purist“, auf der ihr letztlich nur über ein
Fadenkreuz verfügt.
Zudem
stehen in allen 20 Story-Missionen zusätzliche Challenges zur
Verfügung, die der Freischaltung weiterer Waffen und Fähigkeiten
dienen. Richtig, ein dezentes Upgrade-System gibt es ebenfalls.
Dieses hält sich jedoch sehr im Hintergrund und besitzt im
Einzelspieler kaum Relevanz.
Ein
dickes Lob gibt's auch für die Inszenierung. Um 47 herum wurde ein
sattes Potpourrie skurriler Charaktere gestrickt, die allesamt aus
einem modernen Noir-Film stammen könnten. Die fantastische englische
und gelungene deutsche Synchronisation entschädigt dabei für die
teilweise steifen Animationen. Die Komposition aus Lichteffekten -
hier hat man deutlich aus Kane & Lynch 2 gelernt -
beeindruckt ebenso wie die vielen Details, die den Levelabschnitten
Leben einhauchen. Dass die zugrunde liegende Glacier 2-Engine
extra für Hitman:
Absolution entwickelt
wurde, merkt man deutlich bei der Darstellung großer Menschenmengen.
Ob es sich dabei tatsächlich um die versprochenen 1.200 NPCs
handelt, können wir allerdings nicht sagen. Wir haben nicht
nachgezählt. Wer allerdings einmal über einen bis zum Bersten
gefüllten Platz in Chinatown flaniert ist und sich durch die Menge
geschoben hat, der kann sich daran kaum sattsehen. IO
Interactive liefern hier die
absolute Referenz.
Der
Atmosphäre ebenso zuträglich sind die vielen, kurzen Gespräche
zwischen den NPCs. Wer gelegentlich innehält und das Verhalten der
Schergen beobachtet, stößt auf unterhaltsame Nebengespräche,
nützliche Zusatzinformationen und eine gehörige Portion
selbstreflexiven und zynischen Humor. Leider wird die gelungene
Präsentation gelegentlich von Sequenzen durchschnitten, die nicht
ganz nachvollziehbar sind. Da lässt sich 47, eine Legende von
Profikiller, in einer Cutscene von einem prolligen Leibwächter
übertölpeln oder zögert zu schießen, wo doch das Instinkt-Feature
noch kurz vorher pixelgenaue Kopfschüsse ermöglichte. Der
Hollywood-Inszenierung, nach der Absolution
ohne Frage strebt, sind solche Szenen natürlich zuträglich, aber
sie sind eben auch mit einem Stück Unglaubwürdigkeit erkauft, die
gerade deshalb negativ auffällt, weil doch die Story sonst überaus
gelungen und spannend inszeniert ist. Die zahlreichen Symbole, die
konsequent verwendet werden, sorgen ebenso für das klassische
Hitman-Feeling
wieder der fabelhafte Soundtrack, der dem Geschehen erst seine
intensive Spannung verleiht.
Ein Novum für die Reihe ist hingegen der Contracts-Modus. Als IO
Interactive einen Multiplayer für Absolution ankündigte,
gab es zunächst wehemente Ablehnung seitens der treuen Community. Zu
oft hat man schon aufgesetzte, lieblose Mulitplayer-Modi gesehen, die
zwanghaft ins Spiel gedrückt werden. Doch auch hier haben die Damen
und Herren wirklich alles richtig gemacht. Die namensgebenden
Aufträge lassen sich schnell und einfach erstellen, indem ihr einen
Story-Level spielt, eure eigenen Ziele auswählt und sie nach Lust
und Laune exekutiert. Eure Parameter werden aufgezeichnet und als
Auftrag abgespeichert, an dem sich wiederum andere SpielerInnen
messen können. Wer wurde mit welcher Waffe und in welcher
Verkleidung elimieniert? Welcher Ausgang wurde genommen? Wurdet ihr
entdeckt oder habt ihr sogar andere Charaktere getötet? Bis zu drei
Ziele lassen sich in einem Auftrag markieren und hinrichten, wobei
gilt: Umso komplexer der Auftrag, desto höher die Belohnung, die
andere Spieler erhalten. Das hart erarbeitete Kopfgeld lässt sich im
Anschluss in die Verbesserung eurer Ausrüstung investieren. Die
Möglichkeit, direkt Challenges für eure Freunde zu erstellen und
euch auch mit mehreren Freunden an einem Auftrag zu messen, rundet
das Angebot ab und macht Contracts zu einer wahren Bereicherung, die
sich perfekt ins Spiel einfügt und etliche Stunden Spielspaß
hinzufügt - denn etwa eine Woche nach Release waren bereits über
50.000 von anderen SpielerInnen erstellte Contracts verfügbar! Es
ist allerdings zu Bedenken, dass ausschließlich Story-Level zur
Erstellung eines eigenen Auftrags zur Verfügung stehen, weshalb die
Auswahl natürlich nicht unbedingt als „unbegrenzt“ bezeichnet
werden kann. Eine durchdachte Erweiterung bleibt es aber trotzdem Für
eine wirklich lobenswerte Entscheidung halten wir zudem die Abkehr
vom Online-Pass. Den Contracts-Modus müsst ihr zwar mittels
beiliegendem Code freischalten, dieser ist jedoch wiederverwendbar
und muss dementsprechend nicht nachgekauft werden.
FAZIT
Beim
Spielen musste ich ständig an Max Payne 3 denken - und konnte mir
nie so richtig erklären, wieso. Eigentlich sind die beiden Titel
grundverschieden, aber der Vergleich liegt dennoch sehr nahe: Der
fünfte Hitman-Teil ähnelt Max Payne 3 erstaunlich, bloß kehrt er
dabei das Verhältnis von rabiater Action und intensiver Spannung um.
Und genau diese brilliante Mischung, gekleidet in einen schwarzen
Anzug mit blutroter Krawatte, macht Absolution zu einem Titel, der
vom Tutorial bis zum Abspann gnadenlos fesselt und mit dem
innovativen Contracs-Modus noch eine Schippe drauflegt.
-
Stefan Simond
Hitman
arbeitet seit jeher viel mit Symbolik. Hier findet ihr weitere Infos
zum Thema Absolution!
Hitman: Absolution
94.0%
sehr gut
Story:
Grafik:
Sound:
Steuerung:
Spieler: 1
Usk: USK 18
Pro
- eindringliche Story
- klassisches Hitman-Feeling
- sinnvolle neue Features
- fantastischer Score
- zynischer Humor