Das
Ende enthält den Beginn. Der Kreislauf aus Leben, Tod und Wiedergeburt.
Gedanken, die westlich geprägten Europäern oft fremd erscheinen, während sie
andere Kulturen maßgeblich beeinflusst haben. Auch Capcoms
hauseigenes Team Clover
Studio ließ sich 2006 von der japanischen Mythologie inspirieren und
erschuf Ōkami: Ein optisch herausragendes und stimmungsvolles Action-Adventure
aus Tusche auf Leinwand. Wir haben die aktuelle Auflage für euch unter die Lupe
genommen.
Nach seiner Rückkehr aus der Verbannung
belegt der tyrannische Lindwurm Orochi ganz Japan mit einem dunklen Fluch.
Dämonen unterwerfen die Bewohner des einst friedlichen Nippons, während das
achtköpfige Ungetüm ganze Landstriche verwüstet. Noch bevor das lange und sehr
liebevoll in Szene gesetzte Intro alle Fäden miteinander verwoben hat wird
klar: Der gehässige Wurm muss weg! Ebenso, wie Ōkami aus diesem
Umstand kein Geheimnis macht, wird dem Spieler auch die weitere Entwicklung der
Geschichte stets offen dargelegt. Die phantasievolle Sage wartet mit
zahlreichen Wendungen und Überraschungen auf, aber sie verzichtet dabei
konsequent auf Subtilität und darauf, zwischen den Zeilen zu agieren. Dennoch
wirkt sie zu keinem Zeitpunkt flach oder gar aufgesetzt. Im Gegenteil: Man
verliebt sich bereits während der ersten Minuten in die niedlichen, brabbelnden
Bewohner und diese junge Liebe soll von nun an mit jeder weiteren Minute
wachsen.
Kaum
ist das knapp 17minütige Intro vorüber, schlüpft der Spieler in die Rolle von
Amaterasu, einer Göttin in Wolfsgestalt, deren Schicksal es ist, das
unterjochte Japan zu befreien. Dies tut der Spieler beispielsweise dadurch,
dass er die befallenen Gebiete von Dämonen befreit und sogenannten
Wächtersprösslingen, die in der Form von ausgetrockneten Bäumen dargestellt
werden, zu neuer Blüte verhilft. Jeder wiederbelebte Sprössling entfacht ein
wahres Grafikfeuerwerk, indem er große Wellen aus Blüten, Blumen und Blättern
auf das umgebende Ödland ergießt. Ein optisch beeindruckendes Erlebnis: Offene
Münder sind garantiert. Begleitet wird Amaterasu bei alledem von dem jungen
Koropokel Issun, einem kleinen Sidekick, der sich in ihrem Fell häuslich niedergelassen
hat und ihr mit seinem losen Mundwerk oftmals aus brenzligen Situationen
hilft…oder sie erst hineinquatscht. Wiederholt der Spieler beispielsweise einen
bestimmten Fehler mehrmals, so hilft der gesprächige Issun ihm ungefragt auf
die Sprünge. Aber ebenso ungefragt beleidigt das kleine Plappermaul großmütig
jeden Dämonen: Der persönliche Schutz einer Göttin fördert offenbar seinen
jugendlichen Leichtsinn. Auch wenn man Issun manchmal am liebsten den Mund
verbieten möchte, sind die Dialoge, die durch ihn entstehen, meistens sehr
amüsant und immer wieder auflockernd. Während die beiden sich also durch die
partiell offene Welt bewegen, wird der Spieler immer wieder durch Nebenquests
in Versuchung geführt, den Hauptpfad der Story zu verlassen und die Spielwelt
auf eigene Faust zu erkunden. Entdecker und Schatzsucher werden belohnt! Die
Verbesserung einzelner Attribute, das Antrainieren neuer Kamptechniken und die
Kartographierung der Welt lassen den Spieler für mindestens 40 unterhaltsame
Stunden in die Welt von Ōkami eintauchen.
Zahlreiche Schätze, Tierarten, Hintergrundinformationen und insgesamt 13
Pinseltechniken warten nur darauf, entdeckt zu werden und das Inventar zu
bereichern. Doch Moment: Pinseltechniken?
Jeder, der
einen Trailer zu Ōkami gesehen hat,
wird Zeuge davon geworden sein, wie sich das Bild plötzlich neigte und ein
überdimensionaler Pinsel es mit schwarzer Farbe versah: Der göttliche Pinsel
stellt den herausragenden Twist des Gameplays dar. Mit ihm hält der Spieler die
Zeit an und verändert die Welt. So teilt er seine Widersacher mit einem
gezielten Hieb in zwei Hälften, löst durch kurzes Antippen der Dämonen Schüsse
göttlicher Projektile aus oder lässt es richtig krachen, indem er Bomben malt,
die anschließend detonieren und dabei große Löcher in Amaterasus Welt reissen.
Wer die Macht, die der Pinsel mit sich bringt, konstruktiver einsetzen möchte,
materialisiert mit seiner Hilfe beispielsweise Brücken, über die die Wölfin und
ihr kleiner, grüner Freund neue Areale der Spielwelt erreichen können. Er
haucht ausgetrockneten Bäumen neues Leben ein, öffnet Tore mit einem einzelnen
Pinselstrich und bringt Licht in die dunkelsten Ecken des Kaiserreiches, indem
er einfach die Sonne in den Himmel zeichnet.
Dieses
elementare Element des Gameplays steht zu jedem Zeitpunkt des Spiels zur
Verfügung, sodass dessen Handhabbarkeit den Schlüssel zu Spielspaß und
Langzeitmotivation darstellt. Wie schlägt sich das Spiel also in dieser
wichtigen Disziplin? Während die Steuerung des farbgetränkten Maluntensils per
Controller gewohnt locker von der Hand geht, offenbart PlayStation Move dem
erprobten Leitwolf kleinere Schwächen. So lässt die Wiederholungsrate, mit der
manche Geste durchgeführt werden muss, bevor sich der gewünschte Effekt einstellt,
keinen Mangel an Ernüchterung aufkommen. Zusätzlich ist es gewöhnungsbedürftig,
den Kamerawinkel durch Halten des Vierecks und gleichzeitige Neigung des
Move-Controllers zu beeinflussen…für alle Personen, die lediglich 1 linken
Daumen besitzen, ist das frühzeitige Erlernen dieser Technik jedoch sehr
empfehlenswert. Durch diese kleinen Einschränkungen büßt Sonys bewegungssensitive
Steuerung ihren Charme dennoch nicht komplett ein: Es ist einfach intuitiver
und inhaltlich stimmiger, den Pinsel mit einem eleganten Schwung über die
Leinwand gleiten zu lassen, anstatt ihn auf deutlich langsamere,
schwerfälligere aber auch etwas präzisere Art mit dem Pad zu bewegen. Abgesehen
von Pinsel- und Kamerasteuerung lässt sich die Spielfigur mit beiden Eingabegeräten
sehr exakt und flott durch ihre Welt bewegen. Am Ende des Tages haben beide
Ansätze ihre Vor- und Nachteile und der Spieler die ganz subjektive Qual der
Wahl.
Unabhängig
davon, mit welchem Eingabegerät die Gegnerhorden dezimiert werden: Sie segnen
das Zeitliche schöner denn je zuvor. Während die außergewöhnliche Tusche-Optik
bereits 2006 auf der PlayStation 2 einen unverwechselbaren Charme versprühte,
trägt sie in ihrer Neuauflage den aktuellen, technischen Rahmenbedingen
Rechnung. Der Zusatz HD im Titel des für 19,99 Euro erhältlichen und 6342 MB
belegenden PSN-Spiels, das ausschließlich in Japan als Retailversion vertrieben
wird, kommt natürlich nicht von ungefähr. Lupenreines 1080p in 16:9 (allerdings
ohne 3D-Unterstützung) lässt jeden Schweißtropfen auf der Stirn der Widersacher
erkennen. Dabei erstrahlt das alte Nippon in derart grellen und facettenreichen
Farben, dass man sich teilweise ungläubig die Augen reibt. Die stellenweise
auftretenden PopUps verwundern an dieser Stelle eher, als dass sie ernsthaft
stören. Auch die Soundkulisse ist weitgehend gelungen: Fernöstliche Melodien,
sowie einzelne Flöten- und Paukenklänge begleiten den Abenteurer, während
stimmige SFX jeden Schritt, jeden Kampf und jede Blumenwelle eindrucksvoll
untermalen. Lediglich das „Gebrabbel“ der zahlreichen Gesprächspartner wirkt
anfänglich befremdlich: Capcom hat auf die
Sprachausgabe verzichtet und lässt die Bewohner stattdessen in einer Phantasiesprache
vor sich hin murmeln, während Textboxen ihr Anliegen offenbaren.
Fazit
Das Team rund um Shigeru Miyamoto Atsushi
Inaba hat wirklich ein großes und stellenweise emotionales Spiel abgeliefert,
das in seiner hochauflösenden Neuauflage auch technisch zu überzeugen weiss.
Sie haben sehr viele eigene Ideen mit der tatsächlichen Mythologie Japans
verwoben, ohne unter dem Gewicht dieser zusätzlichen Ideen an Glaubwürdigkeit
zu verlieren oder den Spieler bei deren Entdeckung zu überfordern. Weder
Geschicklichkeit und Reaktionsvermögen, noch der Verstand werden über Gebühr
beansprucht, während die Augen jedoch hin und wieder gerieben werden wollen.
Seine wundervolle Optik lässt Ōkami auch 6 Jahre nach der Erstveröffentlichung
noch deutlich aus der Masse der Spiele herausragen. In erster Linie werden sich
natürlich japanophile Spieler durch die Cel Shading Optik, den ganz eigenen,
asiatischen Humor und die teilweise schon kitschig bunte Spielwelt angesprochen
fühlen. Aber auch alle Freunde des storygetriebenen Action-Adventures und die
Anhänger der gepflegten Trophäenjagd (51 Trophäen inkl. 1x Platin) dürfen
aufgrund des enormen Wiederspielwertes einen Blick riskieren. Dieser zeitlose
Klassiker zieht den Spieler immer wieder zu sich hin. Das Ende enthält den
Beginn.