Als
Max Payne von Remedy
Entertainment im Jahre
2001 für
den PC erschien, wurde es von der BPjM zwar indiziert, aber dennoch
international als Kunstwerk gefeiert. Die finstere Noir-Ästhetik und
die niederschmetternde Story um einen rachsüchtigen Cop, der in
diesem Leben keinen Trost mehr findet, begeisterte Fans und Kritiker.
Die Möglichkeit, die Zeit zu verlangsamen (Bullet-Time) und so
schneller zu reagieren oder im Sprung um sich zu schießen
(Shootdodging) stellte eine völlig neue Spielmechanik vor, die nicht
nur für atemberaubende Kamerafahrten verantwortlich war, sondern
auch ein sattes Stück Matrix-Feeling
ins Spiel brachte. Es verwundert nicht, dass 2003 bereits der
Nachfolger The Fall
Of Max Payne
bei Rockstar Games
erschien, welcher besagte Elemente weiter verfeinerte. Jetzt, knappe
10 Jahre später, feiert der abgehalfterte Action-Held sein Debüt
auf der PS3 und wir haben den Titel genau unter die Lupe genommen.
Um seinen emotionalen Traumata zu entfliehen, nimmt Max einen Job in
Sao Paolo an. Er arbeitet als Security-Guard für die reiche und
glamouröse Familie Branco. Doch schon bald muss der alkoholabhängige
Zyniker feststellen, dass ihn sein missgünstiges Schicksal auch hier
heimsucht. Und ehe er sich versieht, geht er erneut wahnwitzige
Risiken ein, um eine Frau zu retten, die er hätte beschützen
sollen.
Die Geschichte selbst ist mit einigen Rückblenden (unter anderem
auch nach New York City) gespickt, die aufklären, wie es zu Max'
Flucht nach Brasilien kam und wird in absolut überstilisierten
Zwischensequenzen erzählt, die einen großen Teil des Spiels
einnehmen und die Comic-Strips aus den Vorgängern abgelöst haben.
Dennoch gelingt es Rockstar Games trotz des sonnigen Settings,
eine extrem dichte Noir-Ästhetik zu erschaffen, die ganz in der
Tradition der Reihe steht. Max ist desillusioniert, getrieben von
Schuldgefühlen und praktisch ständig alkoholisiert. Dialogfetzen
von besonderer Bedeutung oder starker Ausdruckskraft werden einfach
als Wortfetzen in die Welt geschrieben, Screen-In-Screen-Aufnahmen
und eine Schnittfrequenz aus der Hölle sorgen zudem für latente
Desorientierung und Hektik. Das Bild wird immer wieder mit
Blur-Effekte verschmiert, wirkt - genauso wie die Charaktere -
unsauber und körnig. Dennoch fehlt der Geschichte noch die letzte
Konsequenz, der wichtige Schritt, um über die Gleichförmigkeit
aktueller Konkurrenzprodukte hinauszukommen. Auch sollte niemand eine
tiefgehende Charakter-Studie erwarten, denn Max Payne ist
unpassenderweise manchmal ganz der „American Action-Hero“. Warum
unpassend? - Weil seine resignierte Stimme im Voice-Over immer wieder
betont, dass ihm mehr oder weniger alles egal ist, er sich dann aber
im Spiel doch konsequent in alle Probleme einmischt, die nicht seine
sind und so eine naive Gutmensch-Seite verpasst bekommt, die nicht
recht zu ihm passen will. Während Max auf den ersten Blick die
verzweifelte Unbeholfenheit von Travis Bickle (Taxi Driver,
1976) verkörpert, benimmt er sich gelegentlich eher wie ein verdammt
cooler Bruce Willis.
Spielerisch bietet Max Payne 3 nichts Geringeres als die
wahrscheinlich stylishsten Schießereien, die die PS3 bis dato zu
sehen bekam. Die Schusswechsel werden durch die Bullet-Time, deren
gezielter Einsatz unerlässlich ist, und die krassen Kamerafahrten
bis zur letzten Kugel zelebriert. Max fühlt sich dabei sehr
körperlich und authentisch an - er prallt realistisch gegen Wände,
bewegt sich deutlich träger als z.B. ein Nathan Drake und kann sogar
in Bauchlage weiterfeuern, da es einige Sekunden dauert, bis er sich
wieder aufgerappelt hat. Eine automatische Gesundheitsregeneration
gibt es nicht und in Anbetracht der zahlenmäßigen Überlegenheit
eurer Kontrahenten, seid ihr schnell Kanonenfutter. Das
Deckungssystem sorgt dabei für einen etwas ungewohnten
Spielrhythmus, praktisch eine Mischung aus in Deckung gehen und in
Zeitlupe in die Action springen. Bezahlt werden die genialen
Schießereien allerdings mit einem Mindestmaß an Abwechslung. Max
kann nicht schleichen oder klettern und beherrscht nur einen
rudimentären Nahkampf. Meistens werdet ihr in eine Situation
geworfen, in der euch dutzende Gegner (gleichzeitig) gegenüberstehen
und wenn der letzte Schuft lässig ins Jenseits befördert wurde,
geht’s weiter zum nächsten Abschnitt. Einige Siper-Einlagen und
ruhigere Passagen lockern den Spielfluss etwas auf, aber der Fokus
liegt ganz klar auf Bleiduschen - und das ist nicht zwangsläufig ein
Kritikpunkt, denn mehr will und wollte Max Payne nie sein.
Grafisch offenbart der Titel erst nach und nach sein vollständiges
Potenzial. Wo im ersten Drittel des Spiels noch kleinere
Ungereimtheiten durch die dreckige Inszenierung gekonnt ausgeglichen
werden, brauchen sich die späteren Kapitel nicht hinter aktuellen
Grafikbomben zu verstecken.
Zur glaubwürdigen Atmosphäre trägt zudem die Soundkulisse bei.
Rockstar Games hat glücklicherweise darauf verzichtet, den
portugiesischen Teil zu übersetzen. Was Max nicht versteht, versteht
auch der Rezipient nicht und so entsteht ein wunderbares Gefühl des
Fremdseins, wenn die Einheimischen in den Favelas schimpfen oder
hektisch reden. Eine deutsche Synchro gibt es nicht und wer aktuelle
Rockstar-Titel kennt, der weiß, dass man mit dem Lesen der
Untertitel gut zu tun hat und weniger vom eigentlichen Geschehen
mitbekommt. Solide Englisch-Kentnisse sind also Vorraussetzung, um
die genial geschriebenen Dialoge genießen zu können.
Über die Story hinaus, bietet Max Payne 3 die aus den
Vorgängern bekannten Arcade-Modi „Score Attack“ und „New York
City Minute“. Alle Kapitel der etwa zehn Stunden umfassenden Story
können auf der Jagd nach Punkten oder unter Zeitlimit durchgespielt
werden. So könnt ihr euch wahlweise mit weltweiten Ranglisten oder
euren Freunden messen. Das Coole daran: Die Erfahrungspunkte, die ihr
im Arcade-Modus verdient, steigern auch euren Multiplayer-Level und
ermöglichen die Freischaltung von Waffen und Equipment.
Multiplayer-Nachtest
Ihr habt ganz richtig gelesen - Max Payne 3 verfügt als
erstes Spiel der Reihe über einen vollwertigen Multiplayer-Modus. In
den klassischen Modi Deathmatch und Team-Deathmatch bekommt ihr auf
seperaten Rookie-Servern die Spielmechanik beigebracht, welche sich
bedingt von konventionellen Titeln unterscheidet. Euer vollkommen
frei individualisierbarer Avatar bewegt sich etwas träger und
langsamer - eben so wie Max im Singleplayer. Zudem spielt die
allgegenwärtige Bullet-Time eher eine untergeordnete Rolle. Sie ist
als „Burst“ verfügbar, ein aktiver Perk, der in drei Stufen
aufgeladen und auf Wunsch abgerufen werden kann und kommt daher
wesentlich seltener zum Einsatz als im Einzelspieler-Modus. Damit das
Spielgeschehen mit der Verlangsamung der Zeit allerdings nicht
komplett zerschossen wird, hat sich Rockstar einen kleinen
Kniff einfallen lassen: Alle Spieler, die Sichtkontakt zu einem
anderen Spieler haben, der die Bullet-Time auslöst, werden
automatisch ebenfalls in Zeitlupe versetzt. So entsteht zwar ein
cooler Effekt aber kein absoluter Vorteil. Eine abschaltbare
Zielhilfe gibt es ebenfalls, wobei selbstverständlich seperate
Matches angeboten werden, damit alle die gleichen Chancen haben.
Sobald ihr eure ersten Gehversuche auf den Rookie-Servern hinter euch
habt, werden die konfigurierbaren Ausrüstungsslots und die
restlichen Modi freigeschaltet. Erstere erlauben das Erstehen von
Waffen, Equipment, Bursts und Ausrüstungen gegen im Spiel errungene
Dollar. Auch wenn die Waffen erst nach und nach freigeschaltet
werden, bietet das Arsenal dennoch eine erstaunliche Vielfalt, denn
jede Waffe kann mehrfach modifiziert und nach persönlichen
Präferenzen bearbeitet werden.
Höhepunkt des Multiplayers sind jedoch die Modi „Payne Killer“
und „Gang Wars“. Wie diese funktionieren, erklären wir euch im
beigefügten Video.
Ein komplett neues Feature, welches Rockstar Games mit Max
Payne 3 einführt, sind die Crews. Spieler können sich so via
Rockstar Social Network zu Crews zusammenfinden und somit
spielübergreifend miteinander agieren. Es ist davon auszugehen, dass
künftig alle Rockstar-Titel mit Multiplayer-Komponenten,
Crews unterstützen.
Und trotz all dieser positiven Aspekte, von den abwechslungsreichen
und schick designten Maps ganz zu schweigen, weist der
Multiplayer-Modus von Max Payne 3 dennoch eine Macke auf, die
so gravierend ist, dass sie zur konsequenten Spaßbremse wird: Das
Match-Making. Gemeint sind im Hintergrund ablaufende Automatismen,
die verhindern sollen, dass Spieler unterschiedlicher
Erfahrungsstufen und Levels gegeneinander kämpfen, damit die
Gefechte möglichst ausgeglichen verlaufen. Und genau dieses
Match-Making ist hier praktisch nicht spürbar. Gelegentliche
Aussetzer ist man gewohnt und bereit zu tolerieren. Wenn man sich
aber gleich zu Beginn ständig mit Kontrahenten messen muss, die
zwanzig Levelstufen weiter sind als man selbst und abgesehen vom
spielerischen Skill allein durch ihre Ausrüstung bereits einen
Vorteil haben, dann kommt recht bald Frust auf. Leider gibt es hier
heftigen Abzug in der B-Note, denn ein misslungenes Match-Making
zerstört selbst die unterhaltsamesten Spiel-Modi.
FAZIT
„Was
ist daran so toll!?“, mögen manche Leute berechtigterweise fragen,
wenn sie das überschaubare Spielprinzip von Max Payne 3
sehen. „Der ballert nur rum!“. Ja und genau darin liegt die
Antwort, denn neben der fetten Inszenierung, die hinsichtlich ihres
erdrückenden Pessimismus ihresgleichen sucht, bietet der
verschrobene Anti-Held die fettesten Schießereien, die Action-Fans
bekommen können. Und auch wenn ich mir von der Handlung noch ein
wenig mehr Waghalsigkeit und Mut gewünscht hätte, gibt’s doch
eine absolute Kaufempfehlung für jeden, der einen Sinn für die
Ästhetik des Ballerns besitzt.
-
Stefan Simond
Max Payne 3
94.0%
sehr gut
Story:
Grafik:
Sound:
Steuerung:
Spieler: 1
Usk: USK 18
Pro
- fette Inszenierung
- grandiose Dialoge
- eigenständig und stilsicher
Contra
- fehlende Konsequenz der Story
- miserables Match-Making