Ein
Kreißsaal unweit einer Palliativstation. Im Hausflur gehen Angehörige
einer jungen Mutter und trauernde Verwandte eines Verstorbenen aneinander
vorüber. Der flüchtige Blickkontakt macht ihnen bewusst, dass sie nur wenige
Zentimeter trennen, während sie unendlich weit voneinander entfernt sind.
Ambivalenzen begegnen uns jeden Tag. Das 2010 in Schweden gegründete
Indiestudio Might and Delight, das vor seiner aktuellen
Formation in Teilen bereits an den Spielen Mirrors Edge, Battlefield, Killzone
und Bionic Commando: Rearmed beteiligt war, hat dieses Gefühl auch in sich
entdeckt und trägt es in Form des 2D-Retro-Puzzle-Platformers Pid (Planet In
Distress) nun in die Welt. Ihr Erstlingswerk lächelt den Spieler an, während es
ihm gleichzeitig in sturer Regelmäßigkeit ins Gesicht schlägt. Erfahrt in den
folgenden Zeilen, ob es gelingen kann, dieses Lächeln auch nach der 100. Ohrfeige stoisch zu
erwidern.
Schulschluss. Die
Glocke läutet und Kindergeschrei erfüllt den zuvor totenstillen Flur des
Schulgebäudes. Auch unser Protagonist, der kleine Kurt, lässt sich aus der
Schule treiben und steigt in den nächsten Shuttlebus. Während die Passagiere
kommen und gehen, ziehen vor dem Fenster des Shuttles diverse Planeten vorüber.
Eine spannende Zukunftsvision für heutige Schüler, aber schnöder Alltag für
Kurt. So kommt es, wie es kommen musste: Gelangweilt schläft er ein und erwacht
auf einem fremden Planeten. Ein dunkler Planet. Ein nebliger Planet. Ein
faszinierender Planet. Im Laufe der weiteren Geschichte wird dem Spieler
schnell klar: Hier ist nicht alles so, wie es scheint. Und er soll Recht
behalten. Might and Delight arbeiten teilweise mit
Metaphern und erschaffen in Kombination mit der einen oder anderen,
unvorhergesehenen Wendung ein durchaus interessantes Abenteuer. Während sie den
Spieler auf einer oberflächlichen Ebene des Geschichtenerzählens an die Hand
nehmen, offenbart der Plot auch unterhalb seiner Oberfläche noch vereinzelte
Nuancen. Doch diese kleinen Geheimnisse muss sich der Spieler selbst
erarbeiten: Vieles wird am Ende aufgelöst. Weniges bleibt
unausgesprochen.

Eine Stadt voller Gefahren: Ein falscher Schritt
und das Abenteuer beginnt beim letzten
Checkpoint.
Um in den Genuss
jener Auflösungen zu kommen, muss der Spieler jedoch einen steinigen Weg gehen.
Einen sehr steinigen und temporeichen Weg, der mit mannigfaltigen Rätseln gespickt
ist und bei dem das vielfache Scheitern zu einem Teil des Konzeptes wird. Dabei
klingen die einzelnen Quests doch so harmlos: Man muss beispielsweise einer
alten Roboterdame ihre Gliedmaßen zurückbringen, damit sie eine Tür für den
kleinen Weltraumreisenden öffnen kann. Oder man soll einem Arbeiter 25
Batterien und eine Fernbedienung besorgen, mit deren Hilfe er eine defekte
Brücke reparieren will. Lässt sich der Spieler an dieser Stelle von dem
harmlosen Äußeren und dem stimmungsvollen Soundtrack einlullen, wird er nun
sein blaues Wunder erleben: Spätestens ab der Begegnung mit dem ersten
Bossgegner verteilt Pid schallende Ohrfeigen. Zwar
wurden die Checkpoints größtenteils sehr fair gesetzt, aber selbst der von
Beginn an verfügbare Schwierigkeitsgrad „Normal“ wurde intentional auf ein
Niveau gehievt, das Wiederholungen vieler Spielabschnitte absolut unumgänglich
macht. Try-And-Error lautet das Gebot der Stunde. Dabei kommt es erst in
zweiter Linie darauf an, wie viel oder wenig Erfahrung der Spieler mit
Platformern hat. Die Frage lautet eher: Hat er genug Biss, um dem Spiel die
Stirn zu bieten?

Kleinkrimineller mit schlechtem
Gewissen? Dieser Bossgegner kann kaum hinschauen, während er den
Bildschirm
mit Pistolenkugeln, Bomben und Gegnern flutet. Eine der
härteren Nüsse!
Bringt der Spieler
ausreichend Geduld auf, so belohnt ihn der weitere Spielverlauf sowohl mit
klassischen, als auch mit innovativen, neuartigen Gameplayelementen. Zu den
eher klassischen Elementen zählen die sammelbaren Sterne. Sie sind überall in
der Spielwelt verteilt worden und können an entsprechenden Automaten
beispielsweise gegen Bomben, Schutzwesten oder das Geschehen verlangsamende
Spieluhren eingetauscht werden. Auch verschwindende Plattformen, hilfreiche
Hebel, verschlungene Röhren, kraftvolle Sprungfedern sowie diverse Aufzüge oder
Labyrinthe verdienen keinen Innovationspreis. Es gibt jedoch ein zentrales
Gameplayelement, das man in dieser Form selten gesehen hat. So kann Kurt durch
zwei mysteriöse Lichtkugeln, die sich direkt zu Beginn seines Abenteuers
unlösbar an seinen Händen fixiert haben, kraftvolle Lichtquellen an Wänden,
Böden, Decken und Plattformen platzieren. Maximal 2 Lichtkegel bleiben jeweils
9 Sekunden lang gleichzeitig aktiv. 9 wertvolle Sekunden, während derer Kurt
sich in den Strahl bewegen und in dessen Mitte schwerelos an ansonsten
unerreichbare Stellen schweben kann. Sie lassen sich horizontal, vertikal und
diagonal anbringen und interagieren neben Kurt auch mit seinen Gegnern sowie
diversen Geschossen, Boxen, Schlüsseln oder Schaltern. Es handelt sich bei
diesen Lichtquellen, die im späteren Verlauf auch mit einer Schleuder an weit
entfernte Orte katapultiert werden können, ganz eindeutig um das wichtigste
Gameplayelement: Und es funktioniert! Die Spielmechanik ist schnell erlernt,
die Flugbahn der Kugeln gut berechenbar und die Umwelt erstaunlich gut auf sie
abgestimmt. Man könnte fast auf den Gedanken kommen, dass dieser fremde Planet
nur auf Kurts Ankunft gewartet hätte…
Begleitet wird das
Spielgeschehen von dem sehr abwechslungsreichen Soundtrack der schwedischen
Musiker Retro Family. Die einzelnen Stücke beinhalten
dabei sowohl düstere und bedrohliche Klänge, als auch optimistische und
fröhliche Melodien. Letztere scheinen den Spieler in Kombination mit seinem
wiederholten Scheitern entweder verhöhnen oder aufbauen zu wollen: Man weiß es
nicht. Ebenso wie die rundum gelungenen SFX überzeugt der Soundtrack auf ganzer
Linie und transportiert nebenbei den Löwenanteil der packenden Atmosphäre. Gute
Arbeit, Retro
Family!
Gelungene Lichteffekte und
harmonische Farbauswahl: Hier wurde nichts dem Zufall
überlassen.
Auf der technischen
Seite offenbart Pid hingegen kleine Schwächen. So
hat der Titel streckenweise mit leichtem Tearing zu kämpfen und auch die
Ladezeiten sind, in Anbetracht der Tatsache, dass keine Daten von einer Disc
bezogen werden, relativ lang. Darüber hinaus lockt die detaillierte
2D-Retro-Optik des Spiels natürlich viele 3D-Anhänger nicht mehr hinter dem Ofen
hervor: Für einen Puzzle-Platformer ist die bunte, sowie phantasievolle Grafik
jedoch absolut überzeugend. Die Steuerung der Spielfigur, die naturgemäß bei
einem Titel dieses Genres das A und das O darstellt, lässt nur wenige Wünsche
offen. Sie könnte zwar minimal direkter sein, aber im Großen und Ganzen ist sie
stets fair und absolut handhabbar. Am Ende des Tages sind sowohl die 9.99 Euro,
mit denen das ausschließlich im PSN Store zu beziehende Spiel zu Buche schlägt,
als auch die 1.184 MB, die es auf der Festplatte belegt, absolut vertretbar. Im
Gegenzug erhält der Spieler immerhin mindestens 10-15 Stunden innovativen
Spielspaßes (Stufe „Normal“) frei
Haus.
Fazit
Kann
man also nach der 100. Ohrfeige noch stoisch zurück lächeln? Ja, man kann. Die
Ursache dafür liegt in der Ursache für die Ohrfeigen. Das Scheitern gehört
einfach zum Try-And-Error-Prinzip des Spiels, und wird von einer simplen
Bestrafung zu einem strategischen Instrument. Dicht gefolgt von dem nächsten
Glücksmoment beweist jeder Rückschlag: Das alte Prinzip von Bestrafung und
Belohnung funktioniert auch im Jahre 2012. Mehr noch: Die Ambivalenz, die das
streckenweise frustrierende Gameplay in Kombination mit dem beruhigenden,
verträumten Soundtrack sowie den beinahe kindlich inszenierten Settings
erzeugt, fesselt den Spieler vom Anfang bis zum Ende. Sollte der
Schwierigkeitsgrad „Normal“ ihn dabei nicht gefordert haben, so kann er sich
anschließend an dem Schwierigkeitsgrad „Schwer“ versuchen oder sich einfach mit
einem Freund in den zwar komplett aufgesetzten, aber dennoch recht
kurzweiligen, lokalen Koop-Modus wagen. Wiederspielwert ist garantiert. An
dieser Stelle möchte ich eine Lanze für das junge Indiestudio Might
and Delight brechen: Im PSN Store findet ihr eine kostenlose Demo zu
Pid. Auch wenn das Spiel garantiert nicht jeden von euch restlos begeistern
wird, so sollte ihm zumindest jeder eine Chance dazu
geben.
Rückwirkend betrachtet hat Pid mich gleichermaßen
frustriert, amüsiert und fasziniert. Kompliment und Gruß an Might and
Delight für dieses gelungene Debüt…und falls ihr mal in der Nähe
seid: Kommt doch einfach auf einen Kaffee vorbei! Ich habe da noch eine
freundschaftliche Ohrfeige, die verteilt werden möchte.
~
Marc
Weiterführende
Informationen
Beteiligte: Might and Delight (Homepage) | Retro
Family (YouTube)
Videos: Trailer
Pid (YouTube) | Trailer Challenge Shuffle (YouTube - Normal und
Hard Mode im Vergleich)
Sonstiges:
[Essay] Das spielerische Scheitern
(www.ps3-talk.de - Stefan Simond)