Twisted Metal ist in den vergangenen Jahren ein wenig in Vergessenheit geraten. Kein Wunder, liegen die letzten Episoden Twisted Metal Black (PS2) und Twisted Metal: Head-On (PSP) schon deutlich mehr als fünf Jahre zurück. Das ist schade, immerhin handelt es sich bei Twisted Metal um die älteste PlayStation-exklusive Serie überhaupt, wenn man einmal die PC-Fassung der ersten Teile außen vor lässt. In diesem Jahr aber kehrt Twisted Metal zurück, und es bringt den Wahnsinn der klassischen Car-Combat-Spiele in ein neues Zeitalter. Natürlich haftet dem Spiel ein wenig die Aura der 1990er-Jahre an, aber das ist ein durchaus gewollter Fanservice. Twisted Metal hat sich definitiv weiterentwickelt, erfindet sich aber nicht neu. Aber das ist schon gut so, denn in der kaum noch überschaubaren Masse an First- und Third-Person-Shootern ist ein Online-Car-Combat-Spiel wie Twisted Metal eigentlich genau das, was der PlayStation 3 noch gefehlt hat.

Um das Spielprinzip von Twisted Metal zu begreifen, braucht man gewiss keinen Doktortitel. Mit allerlei Waffensystemen ausgestattete Fahrzeuge duellieren sich auf Karten von der Größe einer Kleinstadt und jagen sich gegenseitig Raketen und Gewehrsalven um die Ohren, bis nichts mehr übrig bleibt außer qualmendem Schrott. Schaut man sich eine Partie Twisted Metal an, hat man schnell den Eindruck, es mit einem chaotischen und unübersichtlichen Schlachtfest ohne Sinn und Verstand zu tun zu haben. Und zugegeben: Bis zu einem gewissen Grad mag das auch stimmen, denn gerade das macht ja auch den Spaß von Twisted Metal aus. Allerdings steckt sehr viel mehr hinter der oberflächlich betrachtet stumpfsinnigen Action. Jedes Fahrzeug hat seine individuellen Eigenschaften, Stärken und Schwächen. Zugelassen ist fast alles, was vier Räder hat. Ob ein Krankenwagen, der einen mit einer Bombe versehenen Patienten verschießt, ein Eistruck, der sich in eine Art Transformers-Clown verwandeln kann, oder auch ein Abschlepplaster, welcher mit Taxis um sich schießt. Erstmals in der Serie darf man sogar einen Helikopter steuern. Da endet die Vorgabe mit den vier Rädern auch schon wieder.
Alle Fahrzeuge unterscheiden sich in Geschwindigkeit, Panzerung und Bewaffnung, und je nachdem auf welcher Karte oder in welchem Spielmodus man gerade kämpft, kann die Wahl über Sieg oder Niederlage entscheiden. Wer aber auf den Online-Schlachtfeldern überleben will, muss sich vor allem mit der Steuerung vertraut machen – und die hat es in sich. In vielerlei Hinsicht. Zunächst muss gesagt sein, dass das Buttonlayout etwas überladen wirkt. Als Anfänger wird man große Schwierigkeiten haben, in den ungeheuer schnellen Fahrzeugkämpfen effektiv zwischen Waffensystemen zu wechseln, deren Funktionen richtig einzuordnen und auch noch Extras wie den Schutzschild oder den EMP-Strahl sinnvoll einzusetzen. Nach und nach findet man sich aber in das erstaunlich komplexe Twisted Metal-Gameplay hinein und macht eine verblüffende Entdeckung: hier hat der Wahnsinn Methode!
Natürlich fühlt es sich ungeheuer befriedigend an, ein anderes Fahrzeug in die Luft zu jagen. Und dabei bleibt es nicht. Gebäude stürzen ein, Passanten rennen aufgeschreckt durch die Gegend und werden rücksichtslos überfahren, Blutspritzer säumen den Screen, und alle paar Sekunden explodiert irgendetwas oder irgendjemand in der Nähe des Spielers.
Seine besten Momente hat Twisted Metal allerdings dann, wenn man die verinnerlichte Steuerung zu seinem Vorteil nutzt und bemerkt, dass man tatsächlich besser wird. Wer sich in das Spiel vertieft, wird definitiv belohnt. Aber als gutes Training eignen sich die Online-Partien nur bedingt, weshalb zunächst einmal der Offline-Modus begutachtet werden sollte. Twisted Metal hat eine bessere Kampagne, als man es dieser Art von Spiel zutrauen würde. Meist geht es einfach nur darum, in Deathmatch-ähnlichen Wettkämpfen eine bestimmte Anzahl an Feinden zu vernichten oder möglichst lange zu überleben. Doch es gibt auch einige ungeheuer spektakuläre Bosskämpfe, die von dem kranken Einfallsreichtum der Entwickler zeugen. Begleitet werden diese Wettbewerbe von einer schwarzhumorigen Story, die sich um den diabolischen Ausrichter des Twisted Metal-Events, Calypso und seine nach Erlösung strebenden Teilnehmer, dreht.
Twisted Metal hat einen ziemlichen morbiden Charme. In diesem Spiel sind alle Charaktere Wahnsinnige, Psychopathen oder Massenmörder. Der allseits beliebte Clown Sweet Tooth etwa könnte aus jedem Horror-Schlitzer-Movie entsprungen sein, und genauso fühlen sich auch die Live-Action-Zwischensequenzen an, die mit einem schmutzigen Grindhouse-Look daherkommen und ein Highlight für sich darstellen. Oscarreif ist die Geschichte von Twisted Metal bestimmt nicht, doch sie wurde vom God of War-Schöpfer David Jaffe sehr gelungen geschrieben, mit jeder Menge böser Überraschungen für alle Beteiligten. Nach spätestens drei bis vier Stunden ist die Kampagne allerdings beendet und als Offline-Spieler wird man etwas ratlos feststellen, dass es nicht mehr allzu viel zu tun gibt. Es gibt einen nützlichen Trainingsmodus im Tutorialstil sowie einen Herausforderungsmodus für eine schnelle, unkomplizierte Partie gegen KI-Fahrer. Die Möglichkeit, alle Mehrspielermodi jederzeit gegen Bots bestreiten zu können, vermisst man allerdings. Schade.
Bei Twisted Metal spielt der Online-Modus halt die Hauptrolle.

Es gibt verschiedene Deathmatch- und Team Deathmatch-Varianten, darunter Last Man Standing und Hunted. Das eigentliche Highlight ist allerdings der Spielmodus Nuke. Hier bekämpfen sich zwei Gangs – die Doll-Faces und die Clowns – auf den größten Kartenvarianten. Ziel ist es, die riesige Statue des Feindteams zu zerstören. Für diesen Zweck muss das angreifende Team einen feindlichen Anführer schnappen und diesen bei lebendigem Leib opfern, was sich etwa bei einer durch den Level fahrenden Raketenabschussrampe anbietet. Konnte man die Opferung erfolgreich abschließen, ohne dass das verteidigende Team seinen Anführer befreit hat, übernimmt man die Kontrolle über eine Rakete, die zielgerichtet in die Feindstatue gelenkt werden muss. Nach drei Treffern fällt diese in sich zusammen und die Teams wechseln die Rollen. Nuke bietet einige extrem spannende Momente und Online-Teamkämpfe vom Feinsten, besonders wenn man die richtigen Mitspieler an seiner Seite hat.
Doch hier beginnt die Tragik von Twisted Metal. Es ist online am besten, aber in der Online-Komponente liegt auch die größte Schwachstelle des Spiels verborgen. Fakt ist: Selbst nach dem ersten Patch kommt es immer noch zu Verbindungsabbrüchen. Das Matchmaking dauert quälend lang und der Serverbrowser ist ebenso altmodisch wie unbrauchbar. Gesammelte Erfahrungspunkte verschwinden auf wundersame Weise, und zum Start eines Spiels ist immer der Host notwendig. Sich in dieser Beziehung auf menschliche Spieler zu verlassen, ist ein fataler Fehler der Entwickler. Zu oft kommt es vor, dass sich in einer Lobby zehn oder mehr Spieler versammelt haben und nicht loslegen können, weil der Host das Spiel nicht startet. Ein automatisiertes System mit Mapvoting wie bei Call of Duty wäre extrem wünschenswert gewesen. Aber Entwickler Eat Sleep Play hat Besserung gelobt: Weitere Patches sollen das Host-Problem lösen und die Stabilität verbessern. Hoffen wir das Beste.
Grafisch beeindruckt Twisted Metal zunächst nicht sonderlich, aber wer sich die Zeit nimmt, im Direktvergleich noch mal Twisted Metal Black auf der PS2 zu spielen, der wird sehr schnell zu schätzen wissen, dass wir im HD-Zeitalter leben. Die Grafik läuft flüssig und rasend schnell mit 60 Bildern pro Sekunde – selbst dann, wenn sich 16 Spieler gleichzeitig die Raketen um die Ohren hauen und dabei die Umgebung in Schutt und Asche legen. Von den eher bescheidenen Umgebungsdetails bekommt man während der Hochgeschwindigkeits-Action ohnehin kaum etwas mit. Twisted Metal sieht ordentlich aus, präsentiert sich technisch sauber und läuft schnell und flüssig. Das ist es, worauf es bei einem Spiel wie diesem ankommt. Der lizenzierte Soundtrack umfasst ein recht breites Spektrum von Heavy Metal, Rock, Hip-Hop und Elektro. Prominente Namen wie Rob Zombie, Iggy Pop oder Ghostface Killah sorgen genau für die richtige musikalische Untermalung der brachialen Action. Leider wiederholen sich die Tracks recht bald sehr häufig. Einige Stücke mehr wären wünschenswert gewesen, allerdings unterstützt das Spiel Custom-Soundtracks – ihr könnt also eure eigenen Musikstücke von der Festplatte aus einbinden.

Es ist gar nicht so einfach, zu Twisted Metal ein abschließendes Testurteil zu fällen. Auf der einen Seite bietet das Spiel anarchistisches Chaos, welches einfach nur Spaß macht. Es ist enorm temporeich und actiongeladen, wobei der Nuke-Modus für ungeheuer spannende Mehrspielerpartien gut ist. Die wüste Online-Action bietet überraschenderweise auch genügend Tiefgang, um etwas länger an das Pad zu fesseln. Auf der anderen Seite ist die Fokussierung auf den Mehrspielermodus auch das große Verhängnis dieses Spiels. Der Solomodus ist im Prinzip nicht mehr als ein umfangreiches Tutorial mit genialen Zwischensequenzen und sehenswerten Bosskämpfen, die ziemlich aus der Reihe fallen. Nach spätestens vier Offline- Stunden kann der Weg nur ins Netz gehen, und hier verhindern technische Mätzchen, Verbindungsabbrüche, quälend langes Matchmaking und ein furchtbar altmodischer Serverbrowser den Online-Siegeszug von Sweet Tooth und Konsorten. So wurde die Chance, ein wirklich denkwürdiges Comeback der Reihe hinzulegen, zumindest vorerst vertan. Das ist angesichts des großen Spaß-Potentials umso bedauerlicher. Denn Twisted Metal macht wirklich großen Fun – wenn es mal funktioniert. – Daniel Steinert