Die Story von Metal Gear Rising spielt – entgegen ursprünglicher Planungen – nicht vor, sondern nach dem 4. Teil der Reihe. Cyborg-Ninja Raiden ist doch noch nicht in Rente gegangen, er kämpft als Teil einer privaten Sicherheitsfirma an Krisenherden überall auf der Welt. Im Jahre 2018 macht er unliebsame Bekanntschaft mit einer mächtigen Cyborg-Gruppierung, den Desperados. Diese scheinen in den Menschen- und Organhandel verwickelt und an einer größeren Verschwörung beteiligt zu sein – Raiden heftet sich an ihre Fersen.
Ohne Zweifel war die Geschichte immer das herausragende Element eines jeden Metal Gear-Spiels. Das allerdings ändert sich mit Rising. Raiden mag ein verdammt cooler Typ sein. Doch hölzerne Bösewichte, austauschbare Verbündete und ein haarsträubender Plot um gestohlene Kindergehirne (!) werden dem guten Ruf der Metal Gear-Serie nicht gerecht. Platinum Games serviert uns eine völlig durchgeknallte Geschichte in einer Welt, die nur noch als fader Abklatsch des Metal Gear-Universums bezeichnet werden kann. Die Handlung scheint jede Bodenhaftung verloren zu haben – Raiden trifft im Laufe der Spiels auf keinen einzigen wirklich menschlichen Soldaten. Selbst Wachmänner und Polizisten haben ihren kompletten Körper durch Cyborg-Implantate austauschen lassen. Die ganze Welt scheint von Kunstkörpern und Nano-Maschinen besessen zu sein. Zwar spielten solche Motive schon in früheren Metal Gear-Spielen eine Rolle, doch sie drängten sich niemals so auf wie in Metal Gear Rising. Das Spiel ist eine einzige Freak-Show, unglaubwürdig und oftmals unfreiwillig komisch. Dass sich einige reichlich alberne Cutscenes ins Spiel geschlichen haben, hilft auch nicht gerade. Ausgerechnet in diesem bizarren und von dümmlichen Dialogen durchzogenen Szenario bemühen sich die Autoren noch, knallharte Themen wie Menschenhandel, Kindersoldaten und einen heraufziehenden Krieg zwischen Pakistan und den USA zu verpacken. Um es ganz kurz zu machen: Es funktioniert nicht.

In der Tat weicht Metal Gear Rising nicht bloß in Punkto Storytelling von der ruhmreichen Serienvergangenheit ab. Rising hat nichts gemein mit „Tactical Espionage Action“. Vielmehr handelt es sich hier um ein reinrassiges Action-Spiel im Stil von Ninja Gaiden. Raiden läuft durch streng lineare Levels und schnetzelt Massen an Gegnern mit seinem Schwert. Hier machen sich die Platinum-Gene erstmals positiv bemerkbar, denn die Action ist so schnell und fetzig, wie man es von den Bayonetta-Machern auch erwartet. Besonders reizvoll ist die Zandatsu-Mechanik. Das Motto von Zandatsu lautet „Schneiden und Nehmen“, und das ist ziemlich genau das, was Raiden mit seinen Gegner anstellt. Per L1-Button schaltet der Spieler in eine Art Zeitlupenmodus, in dem man Raidens Klinge völlig frei führen und mit dem rechten Analog-Stick Gegner zerschneiden kann. Trifft man die richtige Stelle, kann Raiden in den Körper seines Opfers hineingreifen, seine Cyborg-Innereien packen und anschließend zerquetschen, um die freigesetzte Energie zu absorbieren. Das hört sich sehr brutal an und zweifellos trägt Rising sein USK 18-Siegel nicht umsonst. Allerdings fällt das Zerteilen von Gegnern längst nicht so blutrünstig aus wie ursprünglich erwartet, immerhin handelt es sich bei den Gegnern „nur“ um Cyborgs. Flotte Action und das interessante Zandatsu-Konzept alleine machen allerdings noch kein gutes Kampfsystem. Sehr untypisch für dieses Genre gibt es weder einen spezifischen Block-Button noch die Möglichkeit, feindlichen Angriffen per Hechtrolle zu entkommen. Raiden muss gegnerische Attacken mit dem Quadrat-Knopf abblocken, der dummerweise auch zum Angriff genutzt wird. Das bedeutet im Klartext, dass das Kampfsystem sehr abhängig ist vom richtigen Timing. Wer ein klein wenig zu früh oder zu spät abblockt, hat keine Chance mehr, eine feindliche Attacke zu parieren. Meist folgt ein unbeholfener Schwerthieb ins leere, gleich darauf wird Raiden niedergestreckt. Das wäre nicht allzu dramatisch, wenn es nicht so verflixt schwierig wäre, feindliche Attacken rechtzeitig zu erkennen. Immer wieder macht die störrische Kamera dem Spieler einen Strich durch die Rechnung. Gerade in engen Räumen spielt die Kamera gerne mal verrückt und man sieht nicht einmal, von welcher Seite die Gegner gerade angreifen.

Hinzu kommt ein schon auf „Normal“ hoffnungslos überzogener Schwierigkeitsgrad, der den Einstieg ins Spiel erheblich erschwert. Zwar gibt es auch eine einfachere Schwierigkeitsstufe und eine Assist-Funktion, die das Blocken erleichtert – damit wiederum wird Metal Gear Rising aber zu anspruchslos. Ein echtes Dilemma. Doch egal ob frustrierend schwer oder lächerlich einfach, dem Kampfsystem mangelt es insgesamt an Tiefgang. Es ist meist nicht wirklich entscheidend, auf welche Weise Raiden seine Gegner zerschneidet und Combos spielen auch keine große Rolle – wer energisch genug den Angriffsbutton hämmert und oft genug abblockt, kommt ganz automatisch ans Ziel.
Metal Gear Rising wird zu keinem Zeitpunkt den hohen Standards gerecht, die Platinum Games in seinen früheren Spielen gesetzt hat. Das Leveldesign ist einfallslos und langweilig: Man läuft durch Kanalisationen, triste Straßen, charakterlose Büroräume und öde Fabrikanlagen. Die Bosskämpfe bringen ein wenig Pfeffer ins Spiel, sind aber mehr als lächerlich denn als cool zu bezeichnen. Frühere Metal Gear-Bosse wie Psycho Mantis oder Vulcan Raven hatten noch genügend Persönlichkeit und Spielwitz, um für Begeisterung zu sorgen. Die Bosse in Metal Gear Rising haben es nötig, mit Helikoptern und Panzerfahrzeugen nach Raiden zu schmeißen, als seien sie Spielzeuge. Und ganz ehrlich: So sehen sie auch aus, so fühlen sie sich an. Immer explodiert irgendetwas, ständig stürzt etwas ein, doch der Action fehlt es an kerniger Wucht. Die Spielwelt selbst wirkt karg und leblos. Prinzipiell kann Raiden alles zerschneiden, was sich auf dem Weg findet: Vom Laternenpfahl bis zum Auto. Leider funktioniert die Schneide-Mechanik in der Praxis nicht wirklich gut. Die Spielphysik verhält sich höchst eigenartig und manchmal ist es zwar problemlos möglich, sich durch dicke Stahltüren zu schneiden, eine einfache Holzkiste erweist sich jedoch als unzerstörbar.

Was Metal Gear Rising am Ende halbwegs rettet, sind die vielen Anspielungen an die Hauptserie. Der obligatorische Karton-Witz zündet nicht mehr wirklich, aber die (optionalen) Codec-Unterhaltungen, die zurückgekehrten VR-Missionen und ein paar humorvolle Easter-Eggs haben ihren Reiz. Leider wurde selbst hier nicht das ganze Potential des Spiels ausgereizt: Kein einziger bekannter Held oder Schurke aus der Serienvergangenheit kehrt zurück – einzig Sunny aus Metal Gear Solid 4 darf eine kleine Gastrolle übernehmen.
Kommen wir zur Technik. Metal Gear Rising sieht überwiegend reichlich altbacken aus. Die uninspirierten Levels sind von detailarmen Objekten gesäumt, die Texturen wirken schlicht, starke Treppchenbildung sticht ins Auge. Immerhin läuft das Spiel sehr flüssig bei flotten 60 Frames. Wirklich gut aussehen tut Metal Gear Rising nur in den Kämpfen, wenn unzählige Funken und Blitze durchs Bild fliegen. Der Soundtrack wird wohl nur Menschen zusagen, die eine ausgesprochene Affinität zu kitschigem J-Rock haben. Nahezu jeder Bosskampf wird von einem besungenen Stück untermalt, welches geradewegs aus einem überdrehten Anime entsprungen sein könnte. Die englischen Synchronsprecher wirken zum Teil recht hölzern. Den Vogel abschießen tut der Waisenjunge George, der offensichtlich von einem ausgewachsenen Mann gesprochen wurde, der seine Stimme verstellt. Lächerlicher geht es eigentlich gar nicht mehr.

Fazit:
Metal Gear Rising: Revengeance hat mich auf ganzer Linie enttäuscht. Von einem Spiel, welches mit Stolz die Logos von Platinum Games und Kojima Productions trägt, erwarte ich nicht weniger als absolute Extraklasse. Doch das fertige Spiel wird weder Platinum-Klassikern wie Bayonetta noch den großen Metal Gear Solid-Spielen gerecht. Metal Gear Rising ist ein absolut durchschnittliches Actionspiel mit uninspiriertem Leveldesign, einer schwachen Story und farblosen Charakteren. Die Action fasziniert anfangs mit dem coolen Zandatsu-Konzept und den flotten Kämpfen. Eine verheerende Kameraführung, ein unausgewogener Schwierigkeitsgrad und eine unglücklich gelöste Block-Mechanik machen diese Freude aber rasch zunichte. Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, ist das Spiel mit maximal sechs Stunden Spielzeit auch noch extrem kurz ausgefallen. Wohlgemerkt fallen von diesen sechs Stunden Spielzeit nochmals zwei Stunden für die Zwischensequenzen weg. Mein Rat: Fahrt in die Videothek und leiht euch das Spiel für zwei Tage aus. Mehr als das ist Metal Gear Rising schlicht und ergreifend nicht wert. - Daniel Steinert