Die
Zivilbevölkerung von Dubai ist gleich doppelt geplagt. Zum einen ist
die Stadt nahezu vollständig im Sand versunken, zum anderen halten
militärische Konflikte die einstige Metropole im Würgegriff.
Splittergruppen der US-Army, Rebellen und die CIA richten ein
heilloses Chaos an und erschweren den Job von Captain Walker und
seiner Einheit - Überlebende evakuieren.
Das
deutsche Studio Yager schickt
euch mit schlechten Karten in die Schlacht. Die Situation wird von
Kapitel zu Kapitel unübersichtlicher, die Grenze zwischen „richtig“
und „falsch“ verschwimmt und alle guten Absichten führen zu
schrecklichen Tragödien. Was auf der Basis eines soliden
Third-Person-Shooters beginnt, entpuppt sich bald als Ausnahme-Titel,
denn mit dieser Grausamkeit und Härte wurde der Krieg selten
dargestellt. Eure Truppe, die zu Beginn noch aus teils albernen und
überheblichen Raubeinen besteht, zerbricht bald an den moralischen
Ambivalenzen, denen ihr begegnet. Spec
Ops: The Line versprüht
keinen oberflächlichen Patriotismus. Ihr wisst nie so recht, wofür
oder wogegen ihr kämpfen sollt. Dabei darf allerdings nicht
vergessen werden, dass nicht die Rede von einer „realistischen“
Darstellung des Krieges sein kann. Der Shooter ist derb,
überinszeniert und sehr actionhaltig.
Dieses
ambitionierte Konzept basiert auf einer akzeptablen Technik, die zwar
häufiger mit den Texturen nicht hinterherkommt und immer mal wieder
Ausreißer nach unten aufweist, doch die erzeugte Atmosphäre spricht
für sich. Schwache Explosionen und blasse Soundeffekte trüben das
Bild nur bedingt, denn gezeilt eingesetzte Symbole, Schatteneffekte
und der explizite Gewaltgrad kaschieren die kleinen Macken, die Spec
Ops anhaften. Selbst der
zunächst unpassend scheinende Metal-Soundtrack wirkt im nachhinein
gar nicht mehr so unpassend, zumal einige populäre Rock-Klassiker
innerdiegetisch Verwendung finden. So liefert ihr euch eine hitzige
Schlacht mit US-Soldaten zu Deep Purples „Hush“. Wirklich schade
hingegen ist die grenzwertige, deutsche Synchronisation. Diese trübt,
trotz der deutschen Herkunft des Spiels, die Stimmung - die weit
bessere, englische Synchro bekommt ihr nur zu hören, wenn ihr eure
PlayStation komplett auf Englisch umstellt.
Das klassische Gameplay aus stark rhythmisierten Schießereien mit
Standard-Mechanik und einigen taktischen Möglichkeiten wird
gelegentlich durch Rail-Shooter-Sequenzen und Sand-Spielereien
aufgelockert (siehe Video). Herumliegende Zusatzinformationen
ermöglichen einen tieferen Einstieg in die Geschichte und die immer
wieder auftauchenden, moralischen Entscheidungen nehmen Einfluss auf
das Ende. Leider kratzt die sonst absolut interessante Story hart an
der Grenze jeglicher Logik - der Funke springt aber dennoch über.
Multiplayer-Nachtest
Obwohl die düstere Geschichte um Captain Walker das eigentliche
Highlight von Spec Ops: The Line ist, spendiert Yager
dem Titel noch einen obligatorischen Multiplayer-Modus. Dieser bietet
die üblichen Modi (Deathmatch, Team-Deathmatch und zielbasierte
Varianten) und spielt sich, verglichen mit Action-Krachern wie
Battlefield 3 oder Modern Warfare 3, eher ruhig. Die
Vier-Mann-Teams müssen zumindest bedingt zusammenarbeiten,
unterschiedliche Klassen und Buffs belohnen kontrolliertes Vorgehen.
Leider krankt der Multiplayer an aber auch an einigen Schwächen. So
sind die Server meistens menschenleerer als Dubai. Gut, dafür kann
das Spiel nichts, aber dennoch hemmt es den Spielspaß. Wenn man dann
doch mal Glück hat und in den Genuss einer gelungenen Partie kommt,
dann hält die Freude meist nicht lange, denn ständige
Host-Verbindungsabbrüche zum Ende der Runde machen dem Aufleveln und
dem längeren Zusammenspiel einen Strich durch die Rechnung. Der
instabilde Netzcode, gepaart mit den langen Ladezeiten, macht die
Multiplayer-Erfahrung zur Geduldsprobe. Zwei der sechs Modi konnten
wir gar überhaupt nicht testen, da sich leider keine Mitspieler
finden ließen.
Die Matches, die wirklich liefen, machten dafür aber Laune. Zudem
reicht Yager noch kooperative Herausforderungen via DLC nach.
Leider bügelt das nicht die deutliche Performance-Schwächen aus.
Hier müssen zwei Dinge her: Ein Patch und eine Flut neuer
Mitspieler.
FAZIT
Eigentlich
besteht Spec Ops: The Line
in allen Bereichen aus heftigen Ambivalenzen. Der überraschend
selbstreflexiven Story mit ihren grausamen Dilemmas stehen die
deftigen Charaktere und die actionlastige, erschreckend
durchschnittliche Inszenierung entgegen, blutige Gefechte werden von
Rock-Musik unterlegt und regelrecht zelebriert und die tolle
Atmosphäre lässt sich nicht von der mäßigen Technik trennen.
Gewalt wird mit Gewalt bekämpft, woraus wiederum neue Gewalt
entsteht, weshalb man eigentlich das erschafft, was man vernichten
will, nüchterne Shooter-Passagen vermischen sich mit fast
psychedelischem Wahnsinn und der US-amerikanische Hooray-Patriotismus
wird desavouiert, indem die Nationalhymne als Titelsong
funktioniert. Diese Zwiespältigkeiten werden zwar einige Zocker
abschrecken, sind aber nichts weniger als das Kernelement von Spec
Ops. Und wie sollte es
auch anders sein - sie stellen gleichzeitig die größte Stärke und
die größte Schwäche des Titels dar.
-
Stefan Simond
Spec Ops: The Line
80.0%
befriedigend
Story:
Grafik:
Sound:
Steuerung:
Spieler: 1
Usk: USK 18
Pro
- Krieg aus einer anderen Perspektive
- brachiale Action
- tolle Atmosphäre